Theater

Das Leben hat keinen Plot

„Hunger. Peer Gynt“ am Deutschen Theater ist keine leichte Inszenierung, aber wer sich einlässt, wird belohnt

Die Schauspieler Peter René Lüdicke, Almut Zilcher und Elias Arens auf der Bühne des Deutschen Theaters.

Die Schauspieler Peter René Lüdicke, Almut Zilcher und Elias Arens auf der Bühne des Deutschen Theaters.

Foto: DT / ARNO DECLAIR / DT / Arno Declair

Am Anfang ist das Wort. Das Wort lautet: „Kuboaa“. Es kommt aus einem nebligen Halbdunkel, gesprochen von einer, die man nur als Schatten sieht. Ein nagelneues Wort, das noch keine Bedeutung hat, frisch erfunden. Ein Wort, aus dem sich eine Welt erschließen kann. „Das Wort war geschaffen“, hören wir, „etwas Seelisches zu bedeuten, ein Gefühl, einen Zustand.“ Damit verliert es den Status, eine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben zu sein. So wie die Texte, die Regisseur Sebastian Hartmann in seinen Inszenierungen miteinander verschränkt, bei ihm ihren Status als reine Narrative verlieren, um im besten Fall ihre Seele bloßzulegen. Hartmann erzählt keine Geschichten, lineares Erzählen interessiert ihn nicht. „Ich brauche im Theater keinen Plot und keine Hauptfiguren, denn, wenn ich mich umsehe, merke ich, dass das Leben sie auch nicht hat“, wird Hartmann im Programmheft zu seiner Inszenierung „Hunger. Peer Gynt“ zitiert, die jetzt am Deutschen Theater Premiere feierte.

Der „Kuboaa“-Erfinder, das ist die Hauptfigur in Knut Hamsuns Roman „Hunger“, ein namenloser, mittelloser Schriftsteller, der im nackten Existenzkampf in den Wahn abdriftet. Ihn lässt Sebastian Hartmann kollidieren mit Henrik Ibsens sinnsuchendem Fantasten Peer Gynt. Wobei die Figuren selbst hier gar nicht wirklich aufeinandertreffen, vielmehr sind es Daseinszustände, ihre Verunglückungen und übersteigerten Wahrnehmungen, die Hartmann übereinanderlegt. Das ist vielleicht das Einzige, was man diesem vor allem visuell sehr beglückenden Abend vorwerfen kann: Dass er die Chance verpasst, auch aus der Verschiedenheit der Charaktere im Ausgangsmaterial noch Reibung zu erzeugen.

Das gesprochene Wort hat hier nicht die alleinige Hoheit, sondern teilt sie mit dem Bild. Mit einem ganz konkreten Bild, das über den gut dreistündigen Abend immer wieder vom zehnköpfigen Ensemble ergänzt und übermalt wird. Aus einer kleinen rollbaren Kiste heraus projiziert ein starker Lichtkegel Umrisse und Konturen auf eine riesige dreiteilige Leinwand. Der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel hat das Motiv entwickelt. Manchmal malen sie die Konturen nur nach, ein Krater entsteht, der später mit Landschaft umgeben ist, zusätzliche Projektionen verändern permanent die Perspektive, vermischen sich mit den Tätowierungen auf der Haut der Darsteller. Menschliche Umrisse tauchen auf, einmal steigt Peter René Lüdicke auf eine sehr hohe Leiter und löscht den eigenen Umriss mit weißer Übermalung wieder aus.

Dazwischen treten Einzelne nach vorne an die Rampe ins diffuse Licht, sprechen kurze Szenen, Dialoge sind selten. Eine enorme Spannung liegt in diesem starken Ensemble, das sich auch körperlich verausgabt. Einzelne Spieler werden durch weitere verdoppelt oder verdreifacht, Körper entziehen sich der Kontrolle, zucken, tanzen, bäumen sich. Dazu dröhnt ununterbrochen Musik, Streicher, fette Bässe, elektrische Beats. Sebastian Hartmann baut vielstöckige Gedankenhochhäuser, die sehr kunstvoll immer wieder zusammenkrachen. Er führt die Gestalten, die diese ausschließlich in Schwarz-Weiß gehaltene Traum- und Assoziationswelt bevölkern, an ihre Abgründe, treibt sie mit fiebriger Empfindsamkeit ins Nachdenken übers Menschsein. Dieser Abend ist nicht auf Erhellung oder Erlösung angelegt, er ist anstrengend und fordernd, doch wer bereit ist, sich einzulassen, wird reich belohnt.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a,
Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine:
23.10. und 26.10., je 20 Uhr.