Tempodrom

Viel Emoción und viele Gitarren bei The Original Gypsies

Auch wenn sie nicht als „Gipsy Kings“ auftreten dürfen, sorgen The Original Gypsies im Tempodrom für mitreißende Stimmung.

The Original Gypsies im Tempodrom

The Original Gypsies im Tempodrom

Foto: Frank Hoensch/Redferns

Berlin. Viel hilft nicht unbedingt viel, sagt man. Im Tempodrom bekommt man am Donnerstag Abend allerdings einen ganz anderen Eindruck. Viele Hits, viel „Lei-lo-la-lo-lai-lo-lei“, viel emoción und vor allem: viele Gitarren. All das potenziert sich zu einer mitreißenden Stimmung, als „The Original Gypsies“ aufspielen, eine Neu- bzw. Wiederformation um den Gipsy Kings-Gründer Chico Bouchikhi, für die er legendäre Mitstreiter aus früheren Tagen, die Brüder Patchaï, Canut und Paul Reyes gewinnen konnte.

Nach den Höhenflügen der Band Ende der 1980-er Jahre und der Spaltung 1991 verhindern nun juristische Streitigkeiten, dass diese Bandmitglieder der ersten Generation den Namen Gipsy Kings verwenden dürfen (es gibt die Band unter diesem Namen noch). Gipsy Kings steht auf dem Projekt also nicht drauf, nichtsdestotrotz stecken die Gipsy Kings drin. Jeder weiß es, jeder will es und alle bekommen es.

Einer der vier „Originals“, Patchaï Reyes, fehlt zwar beim Konzert, deswegen setzt die Band aber nicht weniger Glücksgefühle frei. Die alten Hasen sind sowieso von einem mehr als würdigen Ensemble von Nachfolgern umgeben, denen die Fußstapfen der Meister nicht zu groß sind. Allein zehn Gitarristen füllen die Bühnenfront und treiben im Gleichschlag ihrer Hände die typischen Gipsy Kings-Rhythmen voran.

Aus dieser Reihe tritt stets ein anderer als Sänger hervor. Kaum setzt dieser an zu einer schmachtenden Einleitung, zu einer bittersüßen Prologmelodie, ist der Titel im Publikum auch schon erkannt und mit begeisterten Zwischenrufen wird die Band vorfreudig angefeuert, bis die treibenden Beats einsetzen. Oft poppig unterlegt, mitunter gar hart an der Grenze zum Schlager arrangiert.

Das Publikum hält es nicht auf den Sitzen

Aber wen stört’s, die Gipsy Kings-Musiker haben einen so einzigartigen Stil geschaffen, dass jede Schublade doch zu klein wird. Die rauen Flamenco-Stimmen sind so unverkennbar wie die Instrumentaleinlagen virtuos. Besonders an der Gitarre, aber auch das Können der fünfköpfigen Band im Hintergrund blitzt auf. Jean-Pierre Steverlink aka „Mister PeeWee“ zum Beispiel ist ein wahrer Teufelsgeiger und lässt bei einer grandios in einen Astor Piazzolla-Tango übergehenden Soloeinlage etliche Rosshaare des Bogens reißen.

So geht es von „Baila Me“ oder „Un Amor“ zu Beginn über „Hotel California“, „Bem bem Maria“ und „La quiero“ bis zu grandiosen Finale, bei dem noch einmal Hit auf Hit folgt. Dem aktuellen Titel „La Guapa“ folgt eine mit Offbeat unterlegte Coverversion des Luis Fonsi-Kassenschlagers „Despacito“, danach wird mit „Djobi Djoba“, „Bamboleo“ und „Volare“ kein Wunsch mehr offengelassen.

Dem Publikum fällt es schwer, bei diesem Feuerwerk auf seinen Stühlen stillzuhalten. Oft warten Deutsche ja bis zur Zugabe, bevor die Hüften doch noch einmal in Bewegung gesetzt werden. Doch die Gypsies setzen diese Regel leichterhand außer Kraft, trotz der Saalordner, die vorpreschende Grüppchen am Rande und die Gänge zwischen den Stühlen freizuhalten versuchen. Zu gewinnend das Lächeln, zu selbstsicher die Gesten, zu stolz sind die Posen dieser göttlichen Machos, als dass nicht alle hingerissen aufspringen, tanzen und mitsingen wollen. Olé!