Schauspiel

Jonathan Berlin möchte Spuren hinterlassen

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Katharina Weiß
Jonathan Berlin mit dem Deutschen Schauspielpreis in der Kategorie "Nachwuchs".

Jonathan Berlin mit dem Deutschen Schauspielpreis in der Kategorie "Nachwuchs".

Foto: Christoph Soeder / dpa

Der 24-Jährige Schauspieler gilt als Nachwuchsstar der Stunde

Berlin. Es ist ein etwas aus der Mode gekommener Begriff, aber er haftet dem Schauspieler Jonathan Berlin an, wie ein bittersüßes Parfüm: Anstand. Denn obwohl er in seiner Branche als neues Gesicht gefeiert wird, gehört er eigentlich einem alten Typus der Bühnenwelt an: Der melancholische, nachdenkliche Künstler, dessen Körper nicht nur von einer Vorlage bespielt wird – sondern der selber erschaffen möchte und die emotionale Tiefe seiner Figuren mit dem eigenen moralischen Anspruch durchdringt.

Wir treffen ihm im Café „An einem Sonntag im August“ in Prenzlauer Berg. Er ist wahnsinnig höflich, seine Präsenz wird aber von einer entspannten Körperlichkeit dominiert. Jonathan Berlin ist einer, der im Gespräch Brecht zitiert und seine seltenen Instagram Posts auch schon Mal mit Walt Whitman oder Harvey Milk garniert. Ein Zitat von Letzterem bemühte er zum Beispiel, um auf Instagram darauf aufmerksam zu machen, was mit den Teilnehmern eines afrikanischen Filmfestivals passierte, die einen seiner Kurzfilme im Programm hatten: Auf Homosexualität stehen in Uganda 14 Jahre Haft bis lebenslänglich. Einen Tag, nachdem vor Ort der Film „Feiert Eileen!“ gezeigt wurde, in welchem Jonathan Berlin eine Transfrau spielt, stürmte die ugandischer Polizei das Event und verhaftete den Leiter. Die Empörung des Schauspielers kommt von Herzen: „Das sind Momente, in denen Film noch eine Kraft hat. In der Gefahr, verhaftet zu werden, mit solch einem Mut so ein Festival zu machen…damit setzt man ein ganz anders Statement, als es uns in Europa oft möglich ist“, sagt er.

An Kampfgeist fehlt es den deutschen Fernsehproduktionen, in denen Berlin bisher mitwirkte, trotzdem nicht. Einen kleinen Durchbruch feierte er mit dem kraftvollen und erotischen Kriegsdrama „Die Freibadclique“, für welchen er mit dem „New Faces Award“ ausgezeichnet wurde. Am 26.September, 2018 brilliert der gebürtige Schwabe nun in Kruso, einer ARD-Verfilmung des gleichnamigen Romans von Lutz Seiler. Seine Figur entflieht im Sommer 1989 einem persönlichen Schicksalsschlag, um auf der Aussteiger-Insel Hiddensee nach Ablenkung und Absolution zu suchen. Schnell findet er sich in einer alternativen Gemeinschaft wieder, die von den Utopien einer poetischen Figur namens Kruso angetrieben wird, die davon träumt, dass „das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag übersteigt.“ Jonathan Berlin, der für den Film mehrmals rohe Zwiebeln verspeisen musste und sich beim Kleinhacken eben dieser die Fingerkuppe absäbelte, ist fasziniert vom Freiheitsgedanken der Wendezeit: „Die ganze Wiedervereinigung ist etwas, dass ich gerne miterlebt hätte. Das ist für mich nur sehr schwer greifbar“, sagt er.

Am Klarsten sei ihm die Erhabenheit dieser geschichtlichen Einzigartigkeit geworden, als der Klassik-Liebhaber vor kurzem das berühmte „Freedom Konzert“ im Internat sah: Weihnachtag 1989 dirigierte Leonard Bernstein im Ost-Berliner Schauspielhaus Beethovens "Ode an die Freude" mit der Textänderung „Freiheit schöner Götterfunken“. Wie viele seiner Generation – Jonathan Berlin ist 1994 geboren – sehnt auch er sich danach, einem großen Moment der Geschichte beizuwohnen, in dem „die Freiheit und Vielfalt siegt, gegen Despoten und Tyrannen. Ich glaube fest, dass das passiert, auch wenn ich in den letzten Monaten oft ratlos bis verzweifelt bin, wenn ich die Nachrichten anschalte“, sagt Jonathan Berlin.

Einen Film über ostdeutsche ´“Flüchtlinge“ zu drehen, während sich das ganze Land an diesem Terminus aufreibt, geht nicht spurlos an einem vorüber. Dass sich seine Zeitgenossen schwertun, ein definiertes Feindbild dingfest zu machen, beschäftigt auch den Schauspieler: „Die große Herausforderung unserer Generation ist, dass alles so diffus erscheint. Die Brandherde kennen keinen klaren gemeinsamen Nenner.“ Wenn er selber schreibt, und das tut er viel, denn sein Ziel ist es, irgendwann auch einmal selbst Regie zu führen, dann erkundet er mit Vorliebe diese uneindeutigen Konflikte oder zerrissenen Gestalten, die so ernst sind und doch gerne leicht sein wollen.

Wenn er einen – ob live oder durch die Kamera – mit diesen Augen anschaut, die nie gleichgültig aber immer ein bisschen verloren auf die Welt blicken, dann flimmert da kurz ein Hauch von James Dean, dem ewigen Kämpfer wider Willen auf. Doch Jonathan Berlin weiß genau, was er will. In vier Jahren als Leistungsschwimmer hat er gelernt: Manchmal bringt auch Heulen und Zetern nichts, da muss man es einfach durchziehen. Dass ihn das Element des Wassers so verfolgt, findet er amüsant: Zuerst die „Freibadclicque“, jetzt der Inselfilm Kruso und bald kommen auch noch „Schwimmen“ und „Nachts baden“ auf den Zuschauer zu.

Und letztendlich strampelt man sich ja nur für dieses Publikum ab. In der Münchner Schauspielschule erzählte ein Kollege mal von dem Ziel, Filme zu machen, die Erinnerungen stiften. Das hat sich eingebrannt: „Ich würde es nicht ertragen, mir in 40 Jahren zu denken: Wofür das alles“, sagt Jonathan Berlin. Und tatsächlich passt er in seiner Spieltechnik gut zu einer neuen Generation von Kinoschaffenden, die dem Publikum mehr zutrauen. Im amerikanischen sind es Filme wie „Lady Bird“ oder „Call Me by Your Name“, welche Arthouse und Mainstream verbinden und dem Zuschauer das einzigartige Gefühl geben, selber durch die Kulissen zu tapsen und die Küsse auf der Leinwand zu schmecken. Falls solche Geschichten der couragierten Sinnlichkeit auch vermehrt deutsche Drehbücher erreichen, haben sie mit Jonathan Berlin auf jeden Fall schon eine Gallionsfigur des Genres in der Hinterhand.