Kultur

Komödie am Kudamm zeigt „Willkommen bei den Hartmanns“

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Willkommen bei den Hartmanns

Willkommen bei den Hartmanns

Foto: Franziska Strauss

Der Flüchtling als Accessoire

Von heiterer Atmosphäre kann beim Mittagstisch der Hartmanns nicht die Rede sein. Mutter Angelika ist sauer, weil alle essen, bevor sie sich überhaupt hingesetzt hat. Sohn Philip hingegen ist genervt von seinem Filius Sebastian, der nur noch Hip-Hop-Zeugs im Kopf hat. Vater Richard indes zofft sich mit Tochter Sophie, weil die Dauerstudentin ihre nächste Prüfung nicht ernst nimmt. Familiäre Harmonie sieht anders aus. Dann lässt Angelika auch noch eine echte Bombe platzen: Sie hat beschlossen, einen Flüchtling aufzunehmen. Die Kinnladen fallen runter, bevor ein heftiger Tumult ausbricht. Doch Angelika setzt sich durch.

Die erste Premiere der Komödie am Kurfürstendamm in der Interimsspielstätte, dem Schiller Theater, setzt auf einen bekannten Stoff: Simon Verhoevens Kino-Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ war einer der erfolgreichsten Filme 2016. Nun hat John von Düffel die Vorlage für die Bühne adaptiert und aus München nach Zehlendorf verlegt. Hausherr Martin Woelf­fer zeigt mit seiner Inszenierung, wie er sich die Bespielung des großen Theaters in Zukunft vorstellt.

Vor allem im ersten Teil bleibt die Produktion nahe dran am Wohlfühl-Film.

Wer den Leinwand-Hit gesehen hat, dürfte eher enttäuscht sein. Alle anderen können sich auf ein furios aufspielendes, teils prominentes Ensem­ble freuen. Allen voran der US-Amerikaner Quatis Tarkington in der Rolle des Nigerianers Diallo. Der ist ein echter Vorzeige-Flüchtling. Ein durch und durch sympathischer, arbeitseifriger Tischler von hoher Moral. Diesen verschmitzten Typen nicht zu mögen, geht nicht. Auch der ruppige Richard lässt sich schnell von seinem Charme einfangen. Rufus Beck gibt den Arzt im besten Silberrücken-Alter, gegen das er mit allen Mitteln ankämpft. Ob mit Botox oder jugendlichen Klamotten, die ihn aussehen lassen wie eine Karikatur.

Gesine Cukrowski spielt Angelika Hartmann. Die Lehrerin im Sabbatical ist chronisch unterfordert, füllt innere Leere mit viel Wein. Und Diallo, ihrem Projekt. Ihm gibt sie ununterbrochen Deutschunterricht, während sie ihre Einsamkeit beklagt. Für bunte Tupfer sorgt Marion Kracht als exaltierte Heike. Eine Ex-Kollegin von Angelika mit roten Dreadlocks, schrillen Outfits und einem Faible für halluzinogene Pilze.

Zu Beginn bleiben Stück und Figuren noch sehr an der Oberfläche.

Schnell kennt man die Probleme der ziemlich dysfunktionalen Hartmanns. Diallo als Flüchtling scheint ein angesagtes Accessoire zu sein. Das ändert sich nach der Pause. Da zeigt die Inszenierung, was zeitgemäßes Boulevard-Theater ausmacht und packt aktuelle, aufwühlende Themen an. Diallo spricht vom Terror in seinem Heimatland, wie die islamistische Miliz Boko Haram seine Familie ausgelöscht hat.

Mit den ernsten Tönen stimmt plötzlich das Timing bei den anfangs holprigen Gags. Die Szenen fließen ineinander über, sind allemal wunderbares Theater. Grandios ist die Filmeinspielung von Sebastians Hip-Hop-Video mit Diallo. Das Stück mag politisch plakativ sein, bietet aber gewohnt gute, heutige Unterhaltung, für die Martin Woelffer und sein Haus stehen. Ein gelungener Auftakt am neuen Spielort.

Theater am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88, bis 28.10., Di.–Sbd. um 20 Uhr, So. um 18 Uhr, außer 26.9. & 17.10. um 16 Uhr