Kultur

Archäologie-Schau der Superlative in Berlin

Zwischen Himmelsscheibe und Schlachtfeldern: Im Gropius-Bau eröffnete die Schau „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“.

Schnitzereien des Totenbettes von Haltern, 1. Jhd. n. Chr.

Schnitzereien des Totenbettes von Haltern, 1. Jhd. n. Chr.

Foto: Felix Müller / © LWL-Archäologie für Westfalen, Foto: Stefan Brentführer

Berlin. Die ersten Klimaflüchtlinge waren Neandertaler. Als vor rund 65.000 Jahren der Norden Europas langsam unbewohnbar wurde, machte sich eine Neandertalergruppe auf in Richtung wärmere Gefilde in Südfrankreich. Das belegen Funde ihrer speziellen Keilmesser, die jetzt in der Berliner Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ zu sehen sind.

Mobilität und Migration zum Beispiel auch von Religionsflüchtlingen, Arbeitern von Dom-Großbaustellen oder in die Fremde verheirateten Frauen sind wichtige Themen der spektakulären Ausstellung (21. September bis 6. Januar 2019). Zu den Prunkstücken der Schau gehören die bronzezeitliche Himmelsscheibe von Nebra und die rund 35.000 Jahre alte Venus vom Hohlefels auf der Schwäbischen Alb. Die Schau ist nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, wie der Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, am Donnerstag erklärte. Allein durch die Fülle der spannenden Exponate ist die Schau ein echtes Erlebnis. Die Besucher sollten viel Zeit für einen Rundgang mitbringen.

Fangen wir doch noch einmal ganz neu an. Schauen, was da begraben liegt. Ein Hund zum Beispiel. Jemand muss seinen Wegbegleiter sehr lieb gehabt haben, denn ein tönernes Trinkgefäß ruht an der Kehle des Tieres. Das Grab, jetzt im Gropius Bau zu sehen, ist Jahrhunderte alt. Oder dieses Ledertäschchen, das wie eine Handyhülle aussieht und am Gürtel getragen wurde: Fünf Mini-Schreibtafeln aus Wachs steckten darin. Kaufleute brauchten sie für ihre schnellen Notizen, wenn sie Waren in Bewegung versetzten.

Erstaunlich „heutig“, vor allem: „in Bewegung“ seien Menschen „schon immer“ gewesen, sagte der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, zur Eröffnung der Schau „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Gropius Bau. Klingt wie eine Binse, widerspricht aber, wenn wir ehrlich sind, ziemlich deutlich unserer Vorstellung von in ihren Hütten hockenden Vorfahren, die nicht wussten, was hinter der nächsten Bergkette los war. Das hat man nach dem Besuch dieser opulenten Schau begriffen: So ahnungslos waren sie sicher nicht, und es hilft ganz gut gegen die Arroganz, zufällig heute zu leben und damit zu meinen, schneller und schlauer durchs Leben zu fahren. Auch unsere geliebten Autos werden irgendwann einmal ausgebuddelt werden.

„Bewegte Zeiten“ hat sich also etwas sehr Grundsätzliches vorgenommen und hierfür die auf Länderebene sehr unterschiedlich geregelte archäologische Arbeit in Deutschland in einem Kraftakt zusammengeführt. Schließlich schreiben wir gerade das Europäische Kulturerbejahr 2018, und deshalb haben das Museum für Vor- und Frühgeschichte sowie der Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland eine Fülle von bedeutsamen Fundstücken zusammengetragen, um eine etwas andere Europa-Geschichte zu erzählen.

Es ist eine Schatzkammer: Es gibt einen silbernen Klappstuhl, Goldschmuck und Edelsteine. Ein ganzes Alchemistenlabor, in Wittenberg ausgegraben, wurde nach Berlin verfrachtet. Man vergesse ja oft, sagte Wemhoff, viele Dinge seien nur deshalb ausgegraben worden, „weil man sie irgendwann nicht mehr haben wollte“. Im strikt nichtchronologischen, thematisch auf wenige Begriffe heruntergebrochenen Ausstellungskonzept stürzen dann an wandhohen Projektionen Leninstatuen vom Sockel, während davor Marg Molls „Tänzerin“ sich anmutig windet, die vor wenigen Jahren bei Grabungen vor dem Roten Rathaus gefunden wurde: Die Nazis hatten sie als „entartet“ aus dem Kanon der Kunstgeschichte gestrichen.

Es geht nicht nur um die Menschen, die auf Handelsrouten und Eroberungsfeldzügen das lebten, was wir heute „Mobilität“, „Innovation“ und „Austausch“ nennen – so heißen denn auch die Kapitel der Schau, ergänzt um das unvermeidliche Kapitel „Konflikt“. Und auch um Dinge und Ideen. Es gab schon in der Bronzezeit Massenproduktion; und sogar eine ganze Stadt als Investitionsprojekt in Modulbauweise aus dem Boden zu stampfen, konnte man offenbar schon in grauer Vorzeit, wie das Beispiel Lübeck zeigt. Apropos frühe Urbanität: Das Know-how ausschließlich von „Zugereisten“ ließ die Stadt Köln entstehen. Zu sehen sind Grabmäler von Menschen aus Südfrankreich, Ägypten, Armenien.

Es ist immer ein wenig riskant, vergangene Kapitel der Menschheitsgeschichte so präsentieren zu wollen, als gäbe es Unterschiede nicht. Das Bemühen dahinter, sagt Wemhoff, sei das Ermöglichen einer „Begegnung zwischen den Menschen damals und heute“. Wer die drei hier ausgebreiteten Schlachtfelder sieht, darunter das älteste je aufgefundene der Menschheitsgeschichte, könnte allerdings manchmal auch ganz froh sein, manche Begegnungen nicht allzu real erleben zu müssen.

Doch wenn heutige Metropolenbewohner immer seltener einen Sternenhimmel sehen, dank Lichtverschmutzung, was bedeutet das dann, heute vor der Himmelsscheibe von Nebra zu stehen? Zusammen mit den rätselhaften drei Goldhüten, einer davon eine Leihgabe aus Frankreich ist dieses kosmische Bild wiederum fast kultisch inszeniert, als bewegender Glanz- und Höhepunkt der Schau.

Alles Nachdenken über Bewegung läuft auf die philosophische Frage hinaus: Wohin gehen wir? In einer simplen, eindrucksvollen Installation sind verschiedene Straßenbeläge nebeneinander angeordnet: Erst sind da Baumstämme und Bohlen, bis hin zu Berliner Pflaster aus dem 19. Jahrhundert. Und am Ende ist da ein stacheliges Monster aus Metall, ein Bodenbelag, den niemand freiwillig betreten will. Das war das Ende aller Mobilität, das war ein Teil der Berliner Mauer.

Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Bis 6. Januar. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, geöffnet Mi.-Mo. 10–19 Uhr. Eintritt 12 Euro, erm. sechs Euro

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