Auftritt im Quasimodo

So war das wohl letzte Berlin-Konzert der Pretty Things

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Nils Neuhaus
Phil May von den Pretty Things auf der Bühne (Archivbild)

Phil May von den Pretty Things auf der Bühne (Archivbild)

Foto: pa

Im Dezember endet die Abschieds-Tour der Rock-Pioniere. Im Quasimodo verabschiedeten sich die Pretty Things gebührend.

Berlin. „Ich habe lange überlegt, was ich zu euch sagen könnte“, erklärt Sänger Phil May zu Beginn des Konzerts. „Doch anstatt zu reden, werde ich einfach für euch singen.“ Mit dieser Aussage spielt er darauf an, dass The Pretty Things an diesem Abend ihr wohl letztes Konzert in Berlin spielen, denn im Dezember endet ihre Abschieds-Tour und damit auch ihre 55-jährige Bandgeschichte.

Das Konzert am Sonntag im Quasimodo wird den einleitenden Worten des Sängers gerecht. Es wird nicht viel geredet, dafür zeigt die Band musikalisch noch einmal, warum sie zu den Pionieren der Rockmusik zählt. Mitreißende Bluesnummern wie „Don’t Bring Me Down“ werden vom Gejohle des Publikums begleitet, und vor allem Gitarrist Dick Taylor, der zur ersten Formation der Rolling Stones gehörte, erntet immer wieder donnernden Applaus für seine Soli.

Der 75 Jahre alte Taylor steht mittlerweile in gebeugter Haltung auf der Bühne, er schaut durch seine vorgeschobene Brille nach unten auf seine Hände, als würde er selbst seinen Fingern bloß dabei zuschauen, wie sie ganz selbstverständlich über die Gitarre gleiten. Sein Spiel gibt einem eine Ahnung davon, warum der Schriftsteller Nik Cohn einst schrieb, dass die Rolling Stones neben The Pretty Things aussähen wie eine „Teegesellschaft im Pfarrhaus“.

Das Alter der Konzertbesucher entspricht zu großen Teilen dem der Band, viele der Gesichter im Publikum werden zur Hälfte von üppigen Bärten verdeckt. Schon nach kurzer Zeit staut sich die Hitze unter der niedrigen Decke des Quasimodo so drückend, dass alle Leder- und Jeansjacken abgelegt werden. Auch Sänger May zieht bereits nach zwei Liedern sein Jackett aus.

Die Band spielt fast ausschließlich ihre alten Nummern. Zum Beispiel die Songs des Albums „S.F. Sorrow“, das als erste Rockoper überhaupt gilt und die Konzeptalben zahlreicher anderer Bands beeinflusste.

Umgekipptes Bier sorgt für kurze Zwangspause

Mit viel Ausdruck singt May über das Leben des Sebastian F. Sorrow, während die Band musikalisch den Hintergrund und die Atmosphäre der Geschichte liefert. Psychedelische Gitarrenriffs lagern sich übereinander, dann fällt plötzlich ein Teil der Bühnentechnik aus. Gitarren und Mikrofone verstummen, für einige Sekunden hört man noch das durchdringende Schlagzeug, dann wird es still.

Auf der Bühne wird sofort nach der Ursache des Ausfalls gesucht. Die Musiker bleiben dabei gelassen, nach über einem halben Jahrhundert Bühnenerfahrung braucht es mehr, um die Band aus der Ruhe zu bringen. Nach kurzer Zeit ist die Technik wieder funktionsfähig, auch die Ursache des Problems ist gefunden: Ein Bier war umgekippt und in eine Steckdose gelaufen.

Schnell steigt die Band wieder ein, und zwar genau dort, wo sie unterbrochen wurde: Mitten im Song „She Says Good Morning“. Die markanten Gitarrenriffs sind dabei so melodisch, dass es nur schwer erklärbar ist, warum The Pretty Things nie einen Hit in den USA landen konnten. Zwar erreichte die Band große Popularität in Europa und Australien, doch ihre Bedeutung für die Rockmusik wird bis heute von vielen unterschätzt.

Gegen Ende des Konzerts trommelt Jack Greenwood, der junge Schlagzeuger der Band, ein beinahe fünfminütiges Solo. Dann heizt die gesamte Band dem Saal mit den Songs „Midnight To Six Man“ und „L.s.d.“ noch einmal ein.

Auch am Ende ihrer Show haben die Musiker noch ordentlich Energie. Zum Schluss bedankt sich Sänger May bei den Fans für die letzten 55 Jahre. Dann verabschiedet sich die Band, und auch nachdem die Musiker hinter der Bühne verschwunden sind, hält der Applaus im Saal noch lange an.