Kultur

Ein Konzert, bei dem ewige Verdammnis droht

Dvořáks selten gespieltes Requiem im Konzerthaus unter Herreweghe

Längst sind Spezialinterpreten für Barockmusik und historische Spieltechniken ins romantische Repertoire des 19. Jahrhunderts vorgedrungen – so auch der belgische Dirigent Philippe Herreweghe, der beim Musikfest in der Philharmonie mit dem Konzerthausorchester auftritt. Das Musikfest will oft rare Stücke in ungewöhnlichen Kombinationen von Interpreten präsentieren, und so ist es hier: Herreweghe, der feurige Musikintellektuelle und zugleich stilistische Purist, er dirigiert das Requiem b-moll Opus 89 von Antonín Dvořák.

Dieses Requiem ist nicht häufig zu hören und bei aller emotionalen Intensität ein Sammelsurium an Stilen und Formen. Da folgt auf einen mittelalterlichen gregorianischen Choral reichste romantische Fülle an harmonischen Modulationen, da stehen klassizistische Anklänge an Mozart neben triumphalen barocken Fugen. Kein Zweifel, Dvořák behielt bei der Komposition einer Totenmesse keinen kühlen Kopf – der Tod seiner drei Kinder innerhalb von zwei Jahren lag zwar schon Jahre zurück, doch verkraftet hat dieser erfolgreichste tschechische Komponist aller Zeiten das schreckliche Ereignis vermutlich nie.

Es ist bemerkenswert, wie konsequent Herreweghe beim anfänglichen „Requiem aeternam“ und im ersten Teil auch darüber hinaus das Orchester zu einem ununterbrochen strömenden Legato verlockt, das über die stilistischen Brüche des Werks und Dvořáks zuweilen etwas ratlos reihende Textvertonung beseelt hinwegfließt. Tenor Maximilian Schmitt singt mit einer Stimmfülle, die keine Wünsche offen lässt. Von ihrem zarten Timbre her hebt sich die Sopranistin Julia Kleiter vom trotz ungewöhnlicher Klangschönheit doch recht massiv auftretenden Collegium Vocale ab. Sophie Harmsen überzeugt mit ihrem gut fokussierten Alt, aber auch mit einer weittragenden Diktion des lateinischen Textes. Der kroatische Bassbariton Krešimir Stražanac gibt im „Lacrimosa“ eine stimmmächtige Vorlage für ein fast modern-geräuschhaftes Echo des Chores. Das unbegleitete Solistenquartett im „Recordare“ dagegen überzeugt nicht, es hat seine intonatorischen Schwierigkeiten. Auch bei den Bläsern des Orchesters, die in ungewöhnlichen, bestens ausgehörten Kombinationen von Klarinetten, Trompeten, Posaunen die archaischen Klangdrohungen des „Tuba mirum“ präsentieren, läuft an diesem Abend im Detail nicht immer alles glatt.

Es bleibt erstaunlich und verdienstvoll, mit welchem Klangsinn Philippe Herreweghe, der große musikalische Aufklärer, die durchweg dunklen Farben dieser Musik zur Geltung bringt, statt nur naseweis auf die musikalische Rhetorik und Phrasierung zu achten. Dass er auch dies tut, merkt man unschwer im leidenschaftlichen Ausruf „Salva me“. Einen kühlen Kopf bewahrt hier keiner, Dvořák wie auch das Konzerthausorchester lassen gekonnt die ewige Verdammnis drohen.

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