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Wegen Ibsen-Stück

Theater-Skandal: Berliner Schaubühne bricht China-Tournee ab

Die Schaubühne muss ihre Tournee in China abbrechen. Weil sie eine Debatte ausgelöst hat. Offiziell geht es um „technische Probleme“.

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Stefan Stern als Dr. Stockmann in "Ein Volksfeind" von Henrik Ibsen

Foto: Arno Declair/ Schaubühne Berlin

Offiziell ist von „technischen Problemen“ die Rede. Aber das glaubt natürlich niemand. Die Berliner Schaubühne muss ihre Tournee in China abbrechen, wo sie zurzeit mit Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ gastiert. Weil das Stück dort heftige Debatten ausgelöst hat, die der Volksrepublik wohl nicht genehm waren, hat die Stadt Nanjing, wo die letzten beiden Vorstellungen gespielt werden sollten, der Schaubühne eine Absage erteilt. Ein klarer Akt von Zensur. Auch wenn es dort keiner so nennen will.

Was ist geschehen? Das erklärt Tobias Veit, der Direktor der Schaubühne, noch immer etwas atemlos am Telefon, das gerade permanent klingelt. Die Schaubühne wurde nach Peking eingeladen, vom dortigen Nationalen Zentrum für Darstellende Künste (NCPA), das Theater von Nanjing schloss sich an. Veit war an den ersten Tagen in Peking dabei, musste dann aber nach Berlin zurück, „weil die Geschäfte hier rufen“, wie er fast entschuldigend sagt. Schon vom ersten Tag an aber war eine große Nervosität zu verzeichnen, das habe jeder spüren können, so der Direktor.

Die Zensoren haben wohl nicht genau genug geprüft

Man habe explizit „Ein Volksfeind“ eingeladen, die erfolgreiche Inszenierung von Thomas Ostermeier, die seit der Premiere 2012 schon rund um die Welt gereist ist und in Moskau genauso zu sehen war wie in New York, in Buenos Aires wie in Shanghai. In China kommt kein Stück auf die Bühne, ohne vorher die Zensur zu passieren. Die Aufführungsgenehmigungen aber lagen für beide Städte vor. Gut möglich, dass die Zensoren meinten, Ibsen, das sei doch ein Klassiker, da drohe keine Gefahr.

Nun ja. Ibsens „Volksfeind“ handelt von Korruption in einer Kleinstadt, von einem Kurarzt namens Thomas Stockmann, der einen Umweltskandal entdeckt, aber von der Obrigkeit daran gehindert wird, das publik zu machen. In China, wo allerorten ein neuer Umweltskandal enthüllt wird, hätte allein das als Sprengstoff genug. Darüber hinaus lebt Ostermeiers Inszenierung aber davon, dass im letzten Drittel des Stücks die vierte Wand des Theaters durchbrochen und das Publikum direkt zu einem offenen Dialog aufgefordert wird.

Die Schaubühne hatte vorab eine DVD und auch das Skript der Inszenierung zugeschickt, außerdem wurde das Stück übertitelt. Alle Beteiligten hätten also wissen müssen, worauf sie sich einlassen. Dennoch wurde das Stück zugelassen. Dann passierte das Unvermeidliche: Das Publikum in Peking hat die Diskussion am ersten Abend nur allzu gern angenommen. Zuschauer empörten sich öffentlich über die Missstände und Repression in ihrem Land. Es hat so viel Kritik gegeben, dass der Übersetzer im Saal gar nicht hinterhergekommen sein soll. Später setzte sich die Debatte auch in den sozialen Netzwerken fort.

Die Theaterleitung zog sofort die Konsequenzen. Diskutierte eine ganze Nacht lang und nach einer kurzen Pause auch den ganzen folgenden Tag mit Tobias Veit, dass das ein Problem für sie sei. Die Schaubühne verteidigte ihren Standpunkt, schließlich geht es hier um Kunst- und Meinungsfreiheit. Aber beiden Seiten war wichtig, einen Konsens zu finden. Man hat sich dann so weit verständigt, dass man in den nächsten beiden Vorstellungen in Peking auf die Diskussion, obschon ein zentrales Stück der Dramaturgie, verzichtete. Aber nicht ohne das kenntlich zu machen. Der Darsteller des Stockmann stellte klar, dass an dieser Stelle eigentlich eine Diskussion folgen würde, und setzte stattdessen einen langen Moment der Stille, des Schweigens, der Ratlosigkeit.

Obschon die Aufführungen nicht ausverkauft waren, gab es keine Tickets mehr zu kaufen, Sitze sollen von Mitarbeitern des Hauses besetzt worden sein, alle Beiträge, die im Internet darauf hinwiesen, wurden gelöscht. Und trotzdem, so Veit, „war förmlich zu greifen, wie intensiv das vom Publikum aufgenommen wurde“. In Nanjing wollte man es erst gar nicht so weit kommen lassen. Dort hat man die Vorstellungen von vornherein abgesagt. Mit dem Hinweis auf technische Probleme bei der Maschinerie, die Podien im vorderen Bereich seien runtergefahren und könnten nicht mehr hochgefahren werden, weshalb man das Bühnenbild nicht aufbauen könne. „Bei dieser Version bleibt das Theater auch“, so Veit. Glauben kann er das freilich nicht. Dem Schaubühnen-Direktor ist es wichtig, dass sein Ensemble nie etwas provozieren wollte. Sein Stück toure seit Jahren durch die Welt, und die Reaktionen des Publikums seien oft ein Spiegel der jeweiligen politischen Situation des Landes.

Nun wird es auch zum Politikum zwischen Deutschland und China. Die Bundesregierung ließ noch am Mittwoch durch eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin verlauten, dass sie den Abbruch der Tournee sehr bedauere und die deutsche Botschaft dies dem chinesischen Kulturministerium auch klar zum Ausdruck gebracht habe.

Ein Teil des Schaubühnen-Ensembles begibt sich am heutigen Donnerstag auf den Heimweg, ein anderer Teil bleibt noch bis Sonnabend. Die Betroffenheit ist bei allen Beteiligten groß. Gleichwohl gibt Tobias Veit zu bedenken: „Dass ein solch kritisches Stück in China überhaupt dreimal aufgeführt werden konnte, ist doch unglaublich.“