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Kultur

Wer hat den Roman des Jahres geschrieben?

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 zeigt erstmals die Autorinnen in der Überzahl. Nur zwei Männer schafften es in die Endrunde

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Der Deutsche Buchpreis zählt, seit er 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen wurde, zu den schönen Ritualen, die im Spätsommer die Vorfreude auf die Frankfurter Buchmesse erhöhen. Bereits im August wurde von der diesjährigen Jury die Longlist veröffentlicht – und mit ihr gab es gleich eine historische Premiere, denn erstmals gab es darauf mit zwölf Autorinnen eine weibliche Mehrheit. Auf der Shortlist, die gestern bekannt gegeben wurde, ist es dabei geblieben: Vier Frauen und zwei Männer stehen im Wettbewerb um eine der wichtigsten Auszeichnungen, die der deutsche Literaturbetrieb zu vergeben hat. Die endgültige Entscheidung wird am Abend des 8. Oktober, dem Montag vor dem Buchmessenstart am 10. Oktober, im Kaisersaal des Frankfurter Römers bekannt gegeben. Wir stellen die nominierten Titel hier kurz vor.

Stephan Thome: Gott der Barbaren

(Suhrkamp, 719 Seiten, 25 Euro)
Mit dem aus Hessen stammenden Stephan Thome findet sich ein Autor auf der Shortlist, den man zu den etablierten Größen des Betriebs rechnen darf. Bereits sein literarisches Debüt „Grenzgang“ (2009), das in Biedenkopf, dem Ort seiner Kindheit spielte, wurde von der Kritik mit viel Lob bedacht und – wohl nicht zuletzt aufgrund seiner lebensechten Dialoge – auch für das Fernsehen verfilmt. Während er sich in diesem Roman noch der heimatlichen Nahaufnahme verschrieb, unternahm er schon mit dem Folgeroman „Fliehkräfte“ (2012), der es auch auf die Shortlist schaffte, Ausflüge in fernere Gefilde Europas. Nach dem dritten Roman „Gegenspiel“ (2015) verschlägt es den Leser in „Gott der Barbaren“ nun ins China der Mitte des 19. Jahrhunderts – Thome, der studierte Sinologe, der viele Jahre in Taipeh verbrachte, ist hier ganz bei seiner Expertise.

Susanne Röckel: Der Vogelgott
(Jung & Jung, 272 Seiten, 22 Euro)

Die Schriftstellerin Susanne Röckel, 1953 in Darmstadt geboren, hat ebenfalls eine starke biografische Nähe zu China: Nach ihrem Studium der Germanistik und Romanistik an der Freien Universität Berlin arbeitete sie von 1997 bis 1998 als Deutschlehrerin in Shanghai. Sie übersetzte viele Werke aus dem Englischen und dem Französischen und schrieb zahlreiche Romane, von denen ihr jüngster die größte Aufmerksamkeit auf sich zog. „Der Vogelgott“ erzählt von einer Familie, die in die Fänge eines uralten Mythos gerät. Die Jury nennt ihn in ihrer Begründung einen „zeitgenössischen Schauerroman, einen späten Nachfahren der schwarzen Romantik“ und bescheinigt ihm eine stark nachwirkende beklemmende Atmosphäre.

Inger-Maria Mahlke: Archipel

(Rowohlt, 432 Seiten, 20 Euro)
Die in Berlin lebende, 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke ist studierte Rechtswissenschaftlerin an der Freien Universität, wo sie am Lehrstuhl für Kriminologie arbeitete. Ihr Debütroman „Silberfischchen“ (2010) erhielt zum Teil begeisterte Kritiken. Ihr Familienroman „Archipel“ spielt auf Teneriffa. Die Hauptfigur Rosa sucht dort nach den Spuren ihrer Familiengeschichte – die zugleich natürlich ein Stück Zeitgeschichte ist, ein Ausflug unter anderem in jene Zeit, in der Franco von Teneriffa aus seinen Putsch gegen die spanische Republik plante. „Und so blättert man durch 100 Jahre wie durch ein Album voll schmerzhaft schöner und genauer Bilder“, lobt die Jury.

Nino Haratischwili: Die Katze und

der General(Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30 Euro)
Die Autorin, Jahrgang 1983, stammt aus Georgien und hat sich auch schon als Theaterregisseurin und Dramatikerin einen Namen gemacht. „Die Katze und der General“ spielt in Berlin, wo ein russischer Oligarch von seinen Erinnerungen an den Tschetschenienkrieg heimgesucht wird. Er will ein Verbrechen sühnen, an dem er selbst die Mitverantwortung trägt – und macht sich auf den Weg zurück in die eigene Vergangenheit.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten (Fischer, 528 Seiten, 24 Euro)
Auch María Cecila Barbetta, geboren 1972 in Buenos Aires, lebt in Berlin. Bereits 2008 wurde sie mit dem „Aspekte“-Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Roman „Nachtleuchten“ zeichnet die politische Stimmung im Buenos Aires des Jahres 1974 im Mi­krokosmos einer Autowerkstatt nach. Ein Kunststück der Vergegenwärtigung: „Dieser Roman sprüht vor Ideen, er ist ein Vulkan voller verschachtelter Sätze, die uns atemlos Seite um Seite umblättern lassen“, schreibt die Jury.

Maxim Biller: Sechs Koffer
(Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, 19 Euro)

Nach seinem fast 900-seitigen Großroman „Biografie“ überrascht der 1960 in Prag geborene und in Berlin lebende Maxim Biller mit einer streng ökonomisch durcherzählten Geschichte eines Familienverrats, der aus sechs Perspektiven erzählt wird. Ein bewegender Einblick in die Verheerungen durch die Sowjetdiktatur und den europäischen Antisemitismus. Die Jury erkennt „große Erzählkunst“ darin und lobt auch den „feinen Humor“ und die „große Zärtlichkeit für die Figuren.“