Literatur

Unveröffentlichte Briefe von Hans Fallada an die Geschwister

Die Korrespondenz zeugt von Genie, Wahn und Familiensinn des Schriftstellers

Foto: Aufbau-Verlag

„Woran liegt es nur bei mir, Mutti? Ich lasse es weder an Fleiß noch an Ausdauer, noch an Ordnung und gewiss auch nicht an der Liebe fehlen, aber dann zerschlage ich mir selbst in wenigen Stunden oft das, an dem ich Monate und Jahre gebaut.“ Es ist der 22. Dezember 1946, als Rudolf Ditzen alias Hans Fallada diesen letzten Brief an seine Mutter schreibt und ihr verspricht, erneut zu versuchen, auf die Beine zu kommen, zu arbeiten, weiterzumachen. Wenige Wochen später, am 5. Februar 1947, ist er tot. Alkohol- und Drogensucht, der jahrelange Raubbau an seinem Körper fordern ihren Tribut.

Der Schriftsteller Hans Fallada wurde nur 53 Jahre alt. Seine Bücher stehen bis heute international auf den Bestsellerlisten, Romane wie „Kleiner Mann, was nun“, „Ein Mann will nach oben“ und „Jeder stirbt für sich allein“ sprechen noch immer für sich selbst, und doch rückt auch Ditzen selbst, der Mensch hinter dem Pseudonym, wieder mehr ins Zentrum des Interesses. Vor einem Jahr ist im Aufbau-Verlag die maßgebende Biografie von Peter Walther über den Schriftsteller erschienen, nunmehr werden nach den schon veröffentlichten Briefen an den Sohn Uli Ditzen, „Mein Vater und sein Sohn“, und an seine Frau Ana „Wenn du fort bist, ist alles nur halb“, die bisher unveröffentlichten Briefe der Geschwister herausgebracht. „Ohne Euch wäre ich aufgesessen“, heißt das Buch, das weniger Einblick in Falladas Werk, seine Persönlichkeit und seine Zeit als vielmehr in seine Selbstsicht gibt und eine Familie zeigt, die im Guten wie im Schlechten ganz unaufgeregt zusammensteht.

Briefwechselt setzt 1928 ein

Der Briefwechsel setzt 1928 ein, ein Wendepunkt in Ditzens Leben, das bis dahin keineswegs ereignislos war. Rudolf, geboren 1893, ist ein kränkelndes Kind mit Anzeichen von Psychopathie. Er quält Tiere, hat in der Adoleszenz Gewaltfantasien, schließt mit einem Freund einen Selbstmordpakt, den nur Rudolf überlebt. Den Tod des Freundes durch seine Hand bereut er nicht. Alkohol- und Morphinsucht bringen ihn nach Geldunterschlagungen ins Gefängnis, aus dem er 1928 entlassen wird.

Neuanfang: Er findet eine Anstellung bei einer Regionalzeitung, fängt an zu schreiben, lernt Ana, genannt Suse kennen, die er heiraten und mit der er drei Kinder haben wird, findet seinen Weg. Zum Abschied vom alten Leben gehört auch die Annäherung an die Geschwister, die erstaunlich offen reagieren. Rudolf hat zwei Schwestern, der Bruder ist gefallen. Da ist Elisabeth, genannt Ibeth, eine Frau, die Physik
studiert hat, mit dem Physiker Heinz Hörig verheiratet ist, die Hausarbeit hasst und schreibt, dass sie gar nicht einsehe, in ihrem Leben mit Kochen und Nähen als „Herzensaufgabe“ zufrieden zu sein. Und da ist die jüngere Schwester Margarete, genannt Dete, die mit dem Rechtsanwalt Fritz Becher verheiratet ist, der Rudolf allzu oft juristisch beraten muss.

Nach der Haft bittet er um Vergebung

Da ist er also, der Familienjunkie, der frisch aus dem Gefängnis kommt und um Vergebung bittet. Doch Vorwürfe, Ermahnungen, Kritik, die ja durchaus denkbar gewesen wären, gibt es von den Schwestern nicht. Nein, zu vergeben gebe es nichts, schreiben sie ihm, und: „So sehr fühlen wir uns nicht als Vertreter des Staates und der Gesellschaft, dass wir uns persönlich getroffen fühlten.“ Die Geschwister bleiben sich zugewandt, helfen sich, stützen sich durch Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Krieg. Rudolf erlebt, wie Papierpreise, Druckkosten und fehlende Kaufkraft das Buchgeschäft beeinträchtigen. Er wird berühmt, die Geschwister lesen seine Bücher, sind voller Stolz. Er wird Teil des nationalsozialistischen Unterhaltungsapparates, wenn er Drehbücher für die Ufa verfasst, und bleibt dem Regime dennoch suspekt. Seine Zusammenbrüche und die Drogensucht werden zur Bedrohung. Depressionen, mentale Dysfunktionen bedeuten im NS-Regime Lebensgefahr.

Dem Ehepaar Ditzen geht es trotz alledem relativ gut, erst gegen Ende des Krieges spitzt sich die Lage zu. Papier wird knapp, der Verlag setzt ihn vor die Tür, die Einnahmen bleiben aus, „und neuerdings scheint eine Tendenz vorzuliegen, die mir jede schriftstellerische Tätigkeit untersagen will“, stellt Fallada fest. Im Mai 1944 schreibt er: „Ich selbst habe mich entschlossen, unter einem gewissen Druck einerseits, andererseits um überhaupt etwas zu arbeiten, den mir vom Propagandaministerium in Auftrag gegebenen antisemitischen Roman in Arbeit zu nehmen.“ Er spielt auf Zeit. Nach dem Krieg sieht er sich von den Amerikanern als „Pronazi“ angegriffen, freut sich, dass „seine Freunde“, die Russen, das nicht kümmert, findet eine recht verbreitete Lösung für das Problem: „Lass sie reden, schweige still.“ Er schreibt den von Primo Levi als besten vom deutschen Widerstand handelnden bezeichneten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ in Rekordzeit kurz vor seinem Tod. Da liegt er im Sanatorium, wo er mit seiner zweiten Frau Ulla nach Drogenexzessen gelandet ist. Suse hat ihn 1944 wegen seiner Affären vor die Tür gesetzt. „Was soll aus ihr werden ohne mich?“, fragt er sich, sie sei ja kein Mensch, der selbstständig denken könne. Er beklagt, dass Suse nicht wisse, was sie an ihm gehabt habe. Hans Fallada, der große Schriftsteller, zeigt sich privat als umtriebiger Narzisst. Im letzten Brief an die Mutter erinnert er sich an Erich Kästner, der ihn als „alt gewordenen Menschen“, als gealterten „Gymnasiasten“ bezeichnet habe. Doch Mutti weiß „es ja am besten, ich bin wohl schwach, aber nicht schlecht, nie schlecht.“

Hans Fallada: Ohne Euch wäre ich aufgesessen: Geschwisterbriefe. Aufbau Verlag, 473 Seiten, 26 Euro.

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