Kleines Theater

Klatschmäuler, Aufschneider und Karrieristen

Das „Kleine Theater“ zeigt den „Revisor“ von Nikolaj Gogol

Panik geht um unter den Mächtigen. Ein Revisor ist da. Zwar wirkt der Stadthauptmann selbstbewusst, als er die Bürger anfangs bittet, zu ihm zu stehen. Doch die Angst lauert bereits in seinen Augen. Denn jeder der Honoratioren im russischen Provinzkaff hat Dreck am Stecken. Eine Überprüfung würde Korruption, Willkür und Vetternwirtschaft ans Licht bringen. Dumm nur, dass der Revisor inkognito reist. Dann aber melden die Klatschmäuler Bobtschinski und Dobtschinski, dass ein Hotelgast namens Chlestakow der Revisor sei. Umgehend macht ihm der alarmierte Stadthauptmann seine Aufwartung. Was der nicht weiß: Chlestakow ist gar kein Revisor, sondern ein einfacher Moskauer Beamter. Ein Aufschneider und Zechpreller.

Die Missverständnisse in Nikolaj Gogols boshafter Verwechslungskomödie „Der Revisor“ liegen von Beginn an klar auf der Hand. Und keine der bis ins Mark habgierigen Figuren ist irgendwie sympathisch. Daher ist es die Schadenfreude über die himmelschreiende Dummheit der Charaktere, die das Pu­blikum bei der Berliner Erstaufführung im Kleinen Theater in Friedenau unentwegt lachen lässt. Regisseur Mathias Schönsee hat das Stück aus dem Jahr 1835 in der modernen, vor Pointen strotzenden Bearbeitung von John von Düffel als hintersinnige Gesellschaftskomödie inszeniert.

Die Figuren kommen ebenfalls heutig daher. Das Bühnenbild dazu ist so schlicht wie genial: Eine leere Schräge als Spielfläche. Die gemahnt daran, es sich nicht zu bequem zu machen, da es sonst schnell bergab gehen kann. Drum herum hängen goldene Vorhänge, die für den Mammon stehen, nach dem alle gieren. Rechtsbewusstsein ist allen fremd. Die Oberen schikanieren die Bürger, um Macht und Reichtum zu mehren. Für viele ist der Revisor daher die Hoffnung darauf, dass das korrupte System zusammenbricht. Doch dann erweist sich der vermeintliche Kontrolleur als Gleichgesinnter der Honoratioren.

Herrlich wie Chlestakow (Dominik Raneburger) die verblendeten Amts­träger an der Nase herumführt. Zunächst erstaunt über die zuvorkommende Behandlung, lässt sich der Hochstapler zunehmend hofieren und schmieren, geht ganz in seiner neuen Rolle auf. Eigentlich müsste der Stadthauptmann (Lutz Wessel) Erfahrung mit kriminellen Machenschaften haben. Doch er nimmt Chlestakows Aufschneiderei für bare Münze. Großartig, wie sich die zwei umkreisen. Wahre Komödianten. Wie auch der Rest des siebenköpfigen Ensembles. Das Stück kulminiert in einer wahren Schmiergeldorgie, in der die Honoratioren den Filou Chlestakow nacheinander bestechen.

Die Inszenierung bietet nicht nur feinste Unterhaltung. Sie ist auch ein bitterböser Kommentar zu seelenlosen Karrieristen und zu unseriösem Finanzgebaren. Absolut empfehlenswert.

Kleines Theater, Südwestkorso 64,
Friedenau, Tel. 821 20 21.
26.9., 18.–20.10. um 20 Uhr, 21.10. um 18 Uhr

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