Deutsches Theater

Jeder leidet für sich allein

Jette Steckels „Vor Sonnenaufgang“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist die Inszenierung zu den Vorfällen in Chemnitz

Regine Zimmermann und , Michael Goldberg

Regine Zimmermann und , Michael Goldberg

Foto: Arno Declair

Die morgendlichen Sonnenstrahlen können den großen schwarzen Hund nicht vertreiben. Der sitzt auf Marthas Seele, wie Hausarzt Schimmelpfennig, der eigentlich noch jung, aber bei Timo Weisschnur erschreckend illusionslos und dadurch alt geworden ist, offenherzig diagnostiziert. Schweigepflicht hin oder her, er möchte seinen alten Studienfreund Alfred Loht (Alexander Simon) doch nur warnen, sich nicht mit der Familie Krause einzulassen. Alfred macht sich also all seinen am Vorabend formulierten Idealen zum Trotz schnöde aus dem Staub und lässt Helene (Maike Knirsch), die Schwester der hochschwangeren Martha, die zur bevorstehenden Geburt in ihr Heimathaus zurückgekehrt ist, nach einer Nacht sitzen. Helenes Hoffnung, dass das Glück einmal bei ihr bleibt, pulverisiert sich im Licht des neuen Tages.

Mit „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer, einer Überschreibung des gleichnamigen Erstlings von Gerhart Hauptmann, 1889 uraufgeführt, startet das Deutsche Theater in den Kammerspielen in die neue Saison. Die Inszenierung von Jette Steckel ist eine Kooperation mit den Ruhrfestspielen, das Stück hatte im Mai Premiere.

Palmetshofer verlegt die Handlung in die Gegenwart, sein Stück spielt irgendwo auf dem Land, die Menschen fühlen sich abgehängt und von der Politik nicht ernst genommen. Vertraute Töne in den Tagen nach Chemnitz, nur dass die Gewalt und die Ausbrüche hier auf die Familie beschränkt bleiben, aber stellvertretend für die Gesellschaft stehen. Palmetshofer behält die Hauptmann’sche Grundstruktur bei, die dreifache Tragödie: die vom Untergang einer Familie, die jetzt keine schlesischen Bauern sind, sondern erfolgreich Auto-Karosserieteile produzieren. Die vom verlassenen Mädchen und schließlich die vom Scheitern einer menschheitsbeglückenden Mission.

Getrunken wird im Hause Krause bereits am Morgen, gern auch direkt aus der Sektflasche, abends versumpft Seniorchef Egon (Michael Goldberg) dann in der Kneipe. Das Kommando im Haus hat Schwiegersohn Thomas übernommen, Felix Goeser präsentiert ein ganzes Repertoire von Boshaftigkeits-Varianten. Er engagiert sich für eine populistische Rechtspartei. Seine schwangere Frau, Franziska Machens in einer Leidensrolle, empfindet er als Ballast. Regine Zimmermann pendelt sehr unterhaltsam zwischen Schnippigkeit und Verletztheit, als Stiefmutter versucht sie, eine Familie zusammenzuhalten, die sich längst vereinzelt hat.

Im Mittelpunkt des Bühnenbildes von Florian Lösche steht eine parkettbedeckte Drehscheibe, die sich in den zweieinhalb pausenlosen Stunden langsam bewegt. Regisseurin Steckel hat das Tragödienhafte des Stoffes durch Einsprengsel wie einen mozartseligen Gesang zum Frühstück etwas abgemildert; relevant bleibt der Abend trotzdem.

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