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Staatsoper Unter den Linden

Simone Young eröffnet die Saison an der Staatsoper

Eine Begegnung mit der australischen Dirigentin mit irischen Wurzeln.

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Simone Young frühere Intendantin der Staatsoper Hamburg und Generalmusikdirektorin der Philharmoniker Hamburg

Foto: Bertold Fabricius

Berlin. Dass sie inzwischen zweifache Großmutter sei, erzählt Simone Young gleich zu Beginn des Gesprächs. Damit beschreibt sie die vergehende Zeit, zugleich aber auch, was ihr im Leben wichtig ist. Die 57-jährige Dirigentin probt gerade für die Wiederaufnahme von Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“, womit am 16. September die Saison an der Staatsoper Unter den Linden eröffnet wird. Für sie ist die Verpflichtung an das Opernhaus von Daniel Barenboim, dessen Assistentin sie Mitte der 90er-Jahre war, immer eine Rückkehr an den Ausgangspunkt ihrer Karriere. Simone Young ist die erste Dirigentin, die als Generalmusikdirektorin an eines der großen Opernhäuser verpflichtet wurde.

„Man sollte einfach die besten Dozenten verpflichten“

Als Chefin der Staatsoper Hamburg, die sie ab 2005 zehn Jahre lang leitete, wurde sie bestaunt, bewundert und angefeindet. Aber über das Thema Frau in einer Männerdomäne will sie zuerst gar nicht so recht reden. Dabei weiß sie, dass sie für nachwachsende Dirigentinnen eine Identifikationsfigur ist. „Ich finde die Idee, dass nur eine Frau Vorbild für eine Frau sein kann, Quatsch“, sagt sie in ihrer direkten, aber herzlichen Art: „Ich habe Probleme mit Projekten, wo nur Dozentinnen verpflichtet werden, um Studentinnen zu trainieren. Ich halte das für falsch. Man sollte einfach die besten Dozenten verpflichten.“

Ihre Vorbilder seien alles Männer und total unterschiedlich gewesen, sagt sie, und nennt Daniel Barenboim, Wilhelm Furtwängler, Leonard Bernstein oder Pierre Boulez. „Es geht doch nicht darum, ob ein junger Dirigent eine Gestik genau kopieren kann, es geht darum, einen Klang erzeugen zu können, den man sich im Kopf vorgestellt hat“, erklärt sie: „Meine Vorbilder waren alles Leute, deren Gedankenprozessen ich folgen wollte.“

Dennoch gibt die Dirigentin zu, dass man „immer wieder einen blöden Spruch“ hören muss. „In Köln hatte mir ziemlich zu Beginn meiner Karriere mal ein Musiker gesagt, er fände alles, was ich mache, gut, aber er fände es unangebracht, dass eine Frau einen solch traditionsreichen Klangkörper führen soll.“ Ein Jahr später hatten sie eine Konzertmeisterin. Und immer mehr Frauen begannen, Solo-Positionen in Orchestern zu übernehmen. Simone Young glaubt, dass es bei den Dirigentinnen eine ähnliche Entwicklung gibt wie bei Instrumentalistinnen. Man brauche doch nur in die Musikschulen zu schauen.

Iren sind sturköpfig, Australier zupackend

Dass sie sich durchgeboxt hat, erklärt die gebürtige Australierin damit, dass sie irische Vorfahren habe. Iren seien sturköpfig, Australier zupackend. „Ich bin aufgewachsen mit der Idee, dass es nichts gibt, was man nicht mal ausprobieren könnte.“ Dieses Selbstverständnis hat sie, die mit ihrer Familie in Südengland lebt, offenbar auch an ihre beiden Töchter weitergegeben. Stolz erzählt sie die Anekdote, als ihre ältere Tochter Physik studieren wollte. „Die Berufsberaterin hat ihr gesagt, sie sollte doch lieber Medizin oder Chemie studieren, weil sie in der Physik die einzige Frau wäre. Meine Tochter hat ihr gesagt, sie wisse nicht, was ihre Mutter für einen Job hätte.“

Möglicherweise braucht jede starke Frau auch eine starke Mutter oder Großmutter. In Simone Youngs Biografie wird hervorgehoben, dass sie mit fünf Jahren am Klavier ihrer Großmutter ihre Erfahrungen sammelte. „Lucy Young hieß meine Großmutter. Sie war für eine junge Frau dieser Zeit, die
aus bescheidenen Verhältnissen kam, wahnsinnig gut in Literatur, Musik und Kunst ausgebildet. Sie hatte künstlerische Neigungen, die über meinen Vater zu mir kamen. Ich stand ihr sehr nahe.“

Der Sommerjob: Als junge Pianistin für Daniel Borenbom zu spielen

In ihrer Geburtsstadt Sydney hatte sie Klavier und Komposition studiert. An der Oper begann ihre Dirigierkarriere. Mitte der 80er-Jahre kam sie nach Europa. 1991 traf sie auf Daniel Barenboim in Bayreuth. „Es war ganz einfach, ich hatte finanzielle Probleme und brauchte einen Sommerjob. Außerdem träumt jeder Pianist, der Wagner liebt, davon, in Bayreuth mitzumachen. Ich habe also für vier Wochen den Job des Repetitors gemacht.“ Man könne sich vorstellen, erzählt sie, wie erschreckend die Vorstellung für sie als junge Pianistin war, Klavier für Daniel Barenboim zu spielen. Der war als Wunderpianist groß geworden.

Im Mai 1993 hatte sie ihr Debüt bei der Staatskapelle Berlin. Barenboim holte sie für zwei Jahre als Assistentin und Kapellmeisterin an die Staatsoper. „Hier habe ich als junge Dirigentin das ganze große Fach dirigieren dürfen. Das war für mich der Start ins Wagner- und Strauss-Fach. 1995 bin ich wieder weggegangen. Aber wir haben immer die Verbindung gehalten. Barenboim ist halt einer der großen Maestros unserer Zeit.“

Die Staatskapelle habe ihre Karriere begleitet, weshalb eine vertraute Verbindung existiere, sagt sie: „Ich fühle mich pudelwohl.“ Werke von Richard Strauss dirigiere sie sehr häufig. Überhaupt bevorzugt sie das schwerblütige Fach in der klassischen Musik. „Ich wähle lieber Werke, die sowohl eine musikalische, emotionale und intellektuelle Herausforderung sind. Das ist es, was ich suche. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein Konzert dirigiere und denke, das war eigentlich zu einfach.“

In ihrer Hamburger Zeit trug sie das ganz schwere Paket als Intendantin und Generalmusikdirektorin. „Es gab einige, die es nicht gut fanden, dass ich beide Positionen innehatte. Sicher gibt es dabei auch Konfliktpositionen zwischen Chefdirigenten und Intendant. Dann streitet man mit sich selber. Und dann mit jedem.“

Als Freelancer, betont sie, führe sie ein privilegiertes Leben. Sie gastiert in ihren Lieblingshäusern in Berlin, Wien, München oder Zürich. In dieser Spielzeit hat sie gleich mehrere Debüts bei großen amerikanischen Orchestern. Regelmäßig gastiert sie in Japan. „Freelancer zu sein, ist ein bisschen wie das Leben von Großeltern“, sagt sie: „Man kommt an, wird liebevoll begrüßt und darf ein paar Wochen lang mit den Kindern spielen. Am Ende der Zeit gibt man sie wieder zurück.“