Komische Oper

Zuckende Zeitzeichen an der Komischen Oper

Mit „Celis | Eyal“ beginnt an der Komischen Oper in Mitte die erste Staatsballett-Spielzeit unter Intendant Johannes Öhman.

Mit „Celis | Eyal“ beginnt an der Komischen Oper in Mitte die erste Staatsballett-Spielzeit unter Intendant Johannes Öhman

Mit „Celis | Eyal“ beginnt an der Komischen Oper in Mitte die erste Staatsballett-Spielzeit unter Intendant Johannes Öhman

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Ein Statement ist dieser Auftakt: Mit der Doppelpremiere „Celis | Eyal“ gab es am Freitag in der Komischen Oper einen ersten Eindruck von der neuen künstlerischen Linie am Staatsballett. Kernvorhaben der neuen Doppelspitze Johannes Öhman und Sasha Waltz ist, neben internationalem Glanz, ein Repertoire, das gleichwertig klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz verbindet. Zuerst also Zeitgenössisches: zwei Einstudierungen von europäisch-international gefragten Choreografen, Stijn Celis und Sharon Eyal.

Kühle Eleganz und eruptive Energie treffen in Celis’ „Your Passion is Pure Joy to Me“ aufeinander. Choreografiert hat der Belgier zu Songs von Nick Cave sowie Kompositionen von Pierre Boulez, Krzysztof Penderecki und dem Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba – ein erstaunlich eingängiger Mix aus Jazz, Songwriting und Neuer Musik. An die Soundkulisse schmiegen sich sieben Tänzerinnen und Tänzer, die vor unverhängten schwarzen Brandmauern auftreten, in Konstellationen vom Solo bis zur Gruppenszene. In langgezogene Bögen, Neigungen und Drehungen dehnen sie ihre Körper hinein, um unvermittelt in explosive Bewegung auszubrechen. Xenia Wiest wirkt wie versunken in den Dialog mit einer perkussiven Passage aus Pendereckis „Fluorescences“, während Sarah Hees-Hochster in rasend schnellen Drehungen über den hellgrauen Tanzteppich wirbelt. Jenna Fakhoury adressiert ihre leicht kantige Ballerinen-Anmut mit direktem Blick ins voll besetzte Auditorium, und Johnny McMillan begegnet Lucio Vidal in verspielt-intensiven, spiegelsymmetrischen Duetten. Lässig arrangiert ist die Choreografie, das Ensemble agiert entspannt und engagiert. Angetan ist der Applaus. Aber was sich nicht vermittelt hat, ist das Thema des Erlebens von Leid und Trost, auf das Stijn Celis laut Programmheft abzielt.

Der Körper als zu manipulierendes Material

Überwältigend laut und nah wirkt im Vergleich „Half Life“ von Sharon Eyal und Gai Behar. Die beiden Israelis haben eine martialisch-technoide Ästhetik entwickelt, die den Einzelnen der Gruppe unterordnet und den Körper als zu manipulierendes Material betrachtet. „Half Life“ beginnt mit dem Wummern clubbiger Bässe, produziert vom Technopionier Ori Lichtik. Aus dem Dunkel schälen sich zwei Körper, die stoisch Bewegungen wiederholen: Johnny McMillan, der offensiv sein Gemächt nach vorne streckt, und Danielle Muir, die auf der Stelle marschiert, im Takt abwechselnd die Schultern nach vorne ziehend, die Knie mädchenhaft zusammengedrückt, die Hände vor der Brust zur Faust geballt und durchgängig auf Halbspitze – wie eine Soldaten-Barbie zwischen Mode und Militär. Nach Minuten tritt von hinten rechts die elfköpfige Gruppe auf, anfangs im Trippelschritt, dann exaltiert. Köpfe werden in den Nacken geworfen, Ellbogen spreizen sich zur aufreizenden Pose, Körperregionen zucken im Basspuls. Akustisch übergriffig, optisch gewaltvoll – und sehr gut gemacht.

Mit „Celis | Eya“ liefert der Schwede Johannes Öhman in Berlin seine ­Visitenkarte ab: Unter seiner Intendanz wurde „Your Passion is Pure Joy to Me“ 2009 am Göteborg Ballett uraufgeführt und „Half Life“ 2017 am Königlich Schwedischen Ballett Stockholm. Ein Jahr lang wird der ehemalige Tänzer ­allein im Intendantensessel sitzen – sein Vorgänger Nacho Duato verlässt den Posten früher als geplant, und seine Co-Intendantin ist noch mit dem Jubiläum ihrer Compagnie Sasha Waltz & Guests befasst. Nach den Reaktionen des Publikums zu schließen, ist Öhmans ­Einstand gelungen: „Half Life“ wird mit Bravi und Standing Ovations bedacht.

Staatsballett Berlin in der Komischen Oper, Behrenstraße 55–57, Mitte, Karten: Tel. 030/206092630 oder tickets@staatsballett-berlin.de; nächste Aufführungen am 16., 22. und 29. September, 2., 5. und 10. Oktober.

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