Kultur

Ausstellung in Brücke-Museum - Ende und Aufbruch

Das Brücke-Museum zeigt den Zerfall der Künstlergruppe „Die Brücke“ und den Neuanfang ihrer Mitglieder.

Wollstickereien auf Leinen: eine Besucherin im Brücke-Museum vor Erna Schillings Werk „Supraporte“ (1914/15, Entwurf: Ernst Ludwig Kirchner)

Wollstickereien auf Leinen: eine Besucherin im Brücke-Museum vor Erna Schillings Werk „Supraporte“ (1914/15, Entwurf: Ernst Ludwig Kirchner)

Foto: Reto Klar

Berlin. 1913 ist für die meisten Menschen heute nur das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Für die expressionistischen Brücke-Künstler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein, die vom Krieg noch nichts ahnten, war es das Jahr, in dem ihre Gruppe nach acht Jahren intensiver Zusammenarbeit endgültig auseinanderbrach.

Max Pechstein war schon ein Jahr zuvor von den anderen Mitgliedern ausgeschlossen worden, weil er – entgegen der Absprache, nur gemeinsam auszustellen – 1912 alleine an der Ausstellung der Berliner Secession teilgenommen hatte. Um den Rest der Gruppe zu stärken, hatten die Verbleibenden beschlossen, eine Sammelmappe mit gemeinsamen Texten und Arbeiten herauszugeben.

Eitelkeit führte schließlich zum Bruch

Die „Chronik“, wie die Mappe hieß, wurde jedoch zum neuerlichen Zankapfel und führte schließlich im Mai 1913 zum endgültigen Bruch. Nach Ansicht seiner Mitstreiter hatte Ernst Ludwig Kirchner in dem von ihm verfassten historischen Abriss seine Rolle bei der Gründung der Brücke im Jahr 1905 zu sehr in den Vordergrund gerückt. Die anderen verweigerten die Publikation. Dennoch druckte Kirchner ein paar Abzüge für Freunde und Förderer, heute begehrte und rare Exemplare der „Chronik“.

Eines davon mit dem roten Deckblatt – einem Holzschnitt von Kirchner mit den Konterfeis seiner Mitstreiter und dem Titel der Mappe – ist nun im Brücke-Museum in einer Schau zu sehen, die sich mit Gemälden, Holzschnitten, Zeichnungen, Skizzenblättern und Skulpturen ganz dem Schaffen der Künstler in dem für sie bedeutenden Jahr 1913 widmet.

„Die Ausstellung ist Teil einer dreiteiligen Reihe, die sich mit den entscheidenden Jahren in der Geschichte der Gruppe auseinandersetzt“, erläutert Lisa Marei Schmidt, die als noch frische Direktorin des Brücke-Museums in Dahlem nunmehr ihre zweite Ausstellung eröffnet. „Die beiden noch geplanten Teile sollen das Gründungsjahr 1905 und den Umzug der Gruppe von Dresden nach Berlin im Jahr 1911 in den Blick nehmen.“

Das Jahr 1913 ist für die Brücke-Künstler Ende und Anfang zugleich, es steht für sie ganz im Zeichen Berlins und der Flucht davor. Nach der Trennung fahren alle Künstler in die Sommerfrische und erleben, teils befreit von alten Fesseln, einen Neubeginn. Obwohl der Akt in der Natur ein bevorzugtes Motiv für viele Brücke-Künstler war, entdeckt Karl Schmidt-Rottluff ihn erst jetzt an der Kurischen Nehrung in Ostpreußen für sich. Sein Gemälde „Akte in den Dünen“ mit den rot leuchtenden Frauenkörpern malt er im Jahr 1913.

Daneben entstehen viele Holzschnitte. Das Brücke-Museum zeigt nicht nur die gedruckten Blätter, sondern auch die Holzstöcke und gibt so Einblick in das Druckverfahren. Max Pechstein malt auf seiner dritten Italienreise im Fischerdorf Monterosso al Mare sein wichtigstes Bild des Jahres: „Fischerboot“. Erich Heckel verbringt den Sommer an der Flensburger Förde und versucht sich dort mit dem Gemälde „Ziegelbäcker“ erstmals am Motiv des Arbeiters.

Eine wahre Schaffensphase erlebt Kirchner, der mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling auf der Ostseeinsel Fehmarn weilt und Besuch von Otto Mueller und dessen Frau Maschka erhält. Die Freundschaft der beiden hat die Trennung der Brücke überdauert. Kirchner zeichnet, malt und fotografiert. Ein vergrößertes Lichtbild zeigt Mueller wie er mit den beiden Frauen nackt in den Wellen herumtollt. Eine Grashütte wird gebaut und gezeichnet. „Leider, leider müssen wir bald zurück“, schreibt Kirchner begeistert aus dem Urlaub. „Ich male so viel wie möglich um wenigstens etwas von den tausend Dingen, die ich malen möchte mitzuschleppen.“

Zurück in der Stadt taucht er wieder ein in die angespannte Atmosphäre urbaner Nervosität: den Verkehr, den Krach und die Vergnügungen in Bars, Cafés, Bordellen und auf der Straße. Seine Straßenszenen mit dem fedrigen Strich entstehen. Unzählige Skizzen zeigen, wie Kirchner alles, was er sah, mit wenigen Mitteln äußerst präzise festhielt.

In unterschiedlichen Techniken – Kohle- und Tuschezeichnung sowie Holzschnitt – stellt er das Treiben auf dem Potsdamer Platz dar, Verkehrsknotenpunkt im damaligen Berlin. Schmidt-Rottluff taucht in die „Weinstube“ ein, Pechstein widmet sich in Holzschnitten den Akrobaten und Heckel setzt der von ihm bewunderten Stummfilmschauspielerin Asta Nielsen ein Denkmal als „Pierrot“.

„1913. Die Brücke und Berlin“:
Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Dahlem.
Tel.: 831 20 29. Mi.–Mo. 11–17 Uhr, geöffnet bis 2. Dezember

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