Film

Fürs Aussteigen ist es nie zu spät

Florian Gallenberger hat das erste Road Movie in der Luft gedreht: „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“.

Foto: Majestic Filmverleih

Die Älteren mögen sich noch an diese Zigarettenwerbung erinnern mit dem aufbrausenden Zeichentrickmännchen und dem Werbeslogan: „Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“ Jockel Tschiersch, der die Buchvorlage zu diesem Film schrieb, hat die Werbung wohl auch gekannt. Der Titelheld seines Romans regt sich auch ständig auf, greift aber nicht zur Kippe, sondern nimmt den Spruch wörtlich.

Gärtner Schorsch (Elmar Wepper) besitzt nämlich ein Kleinflugzeug. Und wenn seine Gärtnerei mal wieder rote Zahlen schreibt, wenn er sich mit seiner Ehefrau (Monika Baumgartner) zankt oder mit seiner Tochter fremdelt, die partout den Familienbetrieb nicht übernehmen will, dann geht er in die Luft. Mit seinem knallroten Doppeldecker. Um Abstand zu kriegen, um Luft zu holen, um ganz bei sich zu sein.

Das erste Roadmovie in der Luft

Als dann aber ein Großprojekt platzt, weil angeblich der Rasen eines neuen Golfplatzes nicht grün genug ist, als die Schulden deshalb überhand nehmen und auch noch sein Doppeldecker gepfändet werden soll, klaut Schorsch beherzt sein eigenes Fluggerät und fliegt auf und davon. Zum Nordkap will er, ein langgehegter Traum. Der Sprit geht ihm allerdings weit früher aus. Also muss er immer wieder zwischennotlanden. Und sich mit seinem grünen Daumen ein bisschen Geld für den nächsten Tank verdienen.

Auf seiner wundersamen Reise begegnen dem grummeligen Gärtner wundersame Figuren. Ein junges Mädchen (Emma Bading), das in ihm einen Vaterersatz sieht, sich flugs als blinder Passagier in sein Flugzeug einnistet und nicht wieder abzuschütteln ist. Und eine verlassene Flughafenbetreiberin (Dagmar Manzel), die ihm nicht nur mit dem Schraubenschlüssel zur Hand geht. Kreuz und quer fliegt der Schorsch, ein Odysseus der Lüfte, durch Deutschland, wobei er auch mal von seiner Route gen Norden abdriftet. Aber mit jeder Flugmeile öffnet sich der Grantler mehr, und am Ende braucht er gar nicht am Nordkap zu landen, um zu sich zu kommen.

Mit „Grüner wird’s nicht , sagte der Gärtner und flog davon“ hat Regisseur Florian Gallenberger gewissermaßen seinen exotischsten Film gemacht. Dabei ist er quasi auf Exotik abonniert: Sein oscar-prämierter Kurzfilm „Quiero ser“ entstand in Mexiko, sein erster Langfilm „Schatten der Zeit“ in Indien, „John Rabe“ in China und „Colonia Dignidad“ in Chile. „Grüner wird’s nicht“ ist nun der erste Film, den Gallenberger in Deutschland gedreht hat. Ein Heimatfilm.

Aber selbst da ist der Globetrotter ein Rast- und Ruheloser, der an alle möglichen Drehorte reiste. Und das Ganze auch noch mit gehöriger Distanz betrachtet, von oben. Damit kreiert Gallenberger ein ganz eigenes Genre, ein Roadmovie in der Luft. Das führt immer wieder zu herrlichen Luftaufnahmen von stiller, geradezu poetischer Kraft, die das Land da unten und auch die eigenen Sorgen ganz klein erscheinen lassen.

„Grüner wird’s nicht“ lebt dann aber vor allem von seiner zweiten Attraktion, dem wunderbaren Elmar Wepper. Seit Doris Dörrie ihn vor zehn Jahren in „Hanami – Kirschblüten“ besetzte, hat der vielleicht immer ein wenig unterschätzte Schauspieler eine unerwartete Alterskarriere gemacht, ist, um im Bild zu bleiben, aufgestiegen.

Nach „Hanami“ und „Dreiviertelmond“ ist dies sein dritter großer Kinofilm, in dem der mittlerweile 74-Jährige erfolgreich gegen sein altes Fernsehunterhaltungsimage anspielen darf. Herrlich, wie er grummelt, grantelt und in die Luft geht, um am Ende doch wieder auf den Boden zu kommen.

Dabei ist „Grüner wird’s nicht“ auch eine feine Komödie über Geschlechter- und Rollenverhalten. Es sind nicht nur die Schulden, es sind auch die Frauen, die den Gärtner erst in die Flucht schlagen. Aber dann begegnen ihm überall starke, tatkräftige Frauenfiguren, die ihn erden. Auch das eine sehr schöne Botschaft, die übrigens den Titel liebevoll widerlegt. Anfangs sind sich alle nicht grün. Am Ende wird’s doch grüner.

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