Spitzentanz

Wie zwei Kubaner das Staatsballett erobern

Beim Neustart des Staatsballetts sind Yolanda Correa und Alejandro Virelles die Stars unter den 22 neuen Tänzern. Was zeichnet sie aus?

Solotänzer am Staatsballett Yolanda Correa und Alejandro Vielles Gonzales am 16.08.2018 in Berlin im Ballettstudio an der Deutschen Oper.

Solotänzer am Staatsballett Yolanda Correa und Alejandro Vielles Gonzales am 16.08.2018 in Berlin im Ballettstudio an der Deutschen Oper.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. In den Probensälen des Staatsballetts Berlin herrscht Hochbetrieb, am 1. September findet in der Deutschen Oper das gemeinsame Eröffnungsfest mit den Opernleuten statt. Für die Ballettcompagnie ist es zugleich ein Neubeginn: Der Schwede Johannes Öhman hat bereits die Intendanz vom Spanier Nacho Duato übernommen, die Berliner Choreografin Sasha Waltz stößt offiziell im nächsten Jahr dazu. Als die neue Doppelspitze Öhman/Waltz berufen wurde, gab es zunächst heftige Proteste. Der Untergang der Compagnie, ja des klassischen Balletts in Berlin wurde befürchtet. Jetzt ist zu hören, dass das Ensemble von 84 auf 93 Planstellen erhöht wurde. Insgesamt 22 neue Tänzer versuchen sich gerade einzuleben, darunter – um in der Balletthierarchie zu bleiben – drei Demi-Solisten, vier Solisten und drei Erste Solisten.

Die Kubanerin Yolanda Correa ist die Primaballerina zwischen dem Russen Daniil Simkin und dem Kubaner Alejandro Virelles. Das sind die drei neuen Vorzeigetänzer. Die Kubaner zeigen sich im Gespräch bemerkenswert bescheiden für Spitzentänzer. Auch in Berlin wolle sie als Tänzerin wachsen und sich die Liebe des Publikums verdienen, sagt Yolanda Corra (35). „Mit Arroganz und Eingebildetheit lernt man nichts“, sagt sie: „Offenheit ist immer besser. Es gibt überall in Büros Konkurrenzsituationen. Aber es gibt auch gute Formen der Konkurrenz.“ Beide Tänzer lächeln über das Klischee zickender Spitzentänzer wie im Psychothriller „Black Swan“.

Alejandro Virelles (32) ist im Juni mit seiner Ehefrau, einer Tänzerin, von München nach Berlin gezogen. Vorher war er in Barcelona und Boston engagiert. Yolanda Corra kam aus Norwegen und hat, wie ihr Kollege, eine Wohnung unweit der Deutschen Oper bezogen. Beide sind als Tanzstars in der Welt herumgekommen. Warum ausgerechnet Berlin? „Gerade jetzt gilt Berlin als das Zentrum für Tanz in Europa, was auch durch Nacho Duato, der ja klassischen und modernen Tanz verbunden hat, geprägt wurde“, sagt Yolanda Correa: „Für Tänzer ist es eine sehr kulturelle Stadt, weil es hier alte und junge Choreografen gibt und das Publikum als sehr kenntnisreich gilt.“

Im Cuban National Ballet begannen die Karrieren

Die Beiden sind die einzigen Kubaner im multinationalen Staatsballett. Ihre Karriere haben sie im Cuban National Ballet begonnen. „Ich bin die erste Künstlerin in der Familie“, erzählt Yolanda Correa. Ihre Mutter ist Historikern, der Vater Topograf, der mit Geologen nach Mineralien sucht. „Ich habe als Kind zuerst Gymnastik gemacht, bis ein Lehrer meinen Eltern sagte, ich solle Ballett machen. Meine Eltern kannten sich damit nicht aus, aber sie unterstützten mich. Mit neun Jahren bin ich auf die Ballettschule in Havanna gekommen.“

Alejandro Virelles stammt hingegen aus einer Musikerfamilie. Sein Vater spielt Gitarre, seine Mutter Flöte. Auch seine beiden Brüder sind Musiker. Er selber hat mit Geige angefangen. „An der Akademie gab es auch eine Abteilung für klassischen und für zeitgenössischen Tanz. Ich fühlte mich davon immer angezogen. Also habe ich eine Audition mitgemacht und bin aufgenommen worden. Mein Vater war darüber nicht so glücklich, aber dann hat er eingesehen, wie wichtig es für mich war. Als die Lehrer ihm dann sagten, dass ich damit sehr weit kommen könnte, war auch er froh über meine Entscheidung.“

Die Ballett-Tradition in Kuba geht auf Primaballerina Alicia Alonso zurück, die 1940 als erste Kubanerin ans New Yorker American Ballett Theatre verpflichtet wurde und acht Jahre später in Havanna ihre eigene Compagnie gründete. „Sie hat es geschafft, dass das Ballett nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen überall im Land gezeigt wird“, sagt Yolanda Correa. 1959 ging daraus das Kubanische Nationalballett hervor. „Das Ballett ist mit dem Beginn der Revolution verbunden, Fidel Castro hat die nationale Compagnie unterstützt und umgekehrt.“ In den 50er-Jahren war der amerikanische Einfluss stärker, ab den 60ern der russische. „Es kamen viele Ballettlehrer und Studenten aus Russland nach Kuba. Da die beiden Regierungen so eng verbunden waren, gab es einen großen Einfluss des russischen Balletts.“

Ballett und Politik gehören für sie nicht zusammen

Beide betonen, Kuba nur verlassen zu haben, um ihre Tanzkarriere voranzubringen. Es habe nichts mit der Politik zu tun. „Natürlich ärgere ich mich manchmal über Dinge, die im 21. Jahrhundert nicht passieren sollten“, sagt Alejandro Virelles: „Aber ich bin nicht sauer auf die Regierung.“ Yolanda Correa findet es wichtig, die eigene Geschichte und die Regierung zu kennen. „Manchmal gibt es Politiker, die mit Kunst Propaganda machen wollen. Aber für mich gehören Ballett und Politik nicht zusammen.“ Dann fügt sie hinzu: „Ich komme aus einer armen Familie, ich glaube, in einem kapitalistischen Land hätte ich die Ausbildung so nicht machen können. Das war auf Kuba möglich. Ich liebe mein Land.“

Ihre Berliner Debüts stehen fest: Im „Schwanensee“ an der Deutschen Oper tanzt Yolanda Correa am 15. September die Odette/Odile an der Seite von Marian Walter, am 19. September folgt Alejandro Virelles als Prinz an der Seite von Polina Semionova.

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