Festsaal Kreuzberg

Sun Ra Arkestra euphorisiert das Publikum

| Lesedauer: 3 Minuten
Johanna Ewald
Tara Middleton und Marshall Belford am Saxofon (Archivbild von 2017)

Tara Middleton und Marshall Belford am Saxofon (Archivbild von 2017)

Foto: picture alliance/POP-EYE

Die zwölf Musiker begeistern ihre Fans mit Free Jazz, Exotica-Beats und wilden Tanzeinlagen. Trotzdem herrscht Ordnung im Chaos.

Berlin. Ein großes Tohuwabohu. So wirkt es zumindest auf den ersten Moment. Die Bühne ist so voll, dass sie nur noch wenig Bewegungsfreiheit bietet. Auf ihr sieht man Menschen jeder Altersklasse in glitzernden, afrikanisch anmutenden Gewändern und mit ausgefallenem Kopfschmuck, die sich wild. The Sun Ra Arkestra spielt am Sonnabend im Festsaal Kreuzberg. Erst im vergangenen Jahr sind sie hier aufgetreten. Vom ersten Ton an haben die Jazz-Musiker das Publikum auf ihrer Seite, das völlig euphorisiert scheint.

Im Mittelpunkt der Band steht Marshall Allen. Mittlerweile 94 Jahre alt – was man ihm keinesfalls anmerkt – spielt er mit so viel Druck das Sopran-Saxofon, dass es einem manchmal schier die Ohren wegbläst. Die Töne knattern so hoch, dass es manchmal klingt wie ein Meerschweinchen in Todesangst. Später spielt er den durch Atemluft gesteuerten Ewi-Synthesizer, womit er galaktisch anmutende Töne erzeugt. Allen ist derjenige, der das Sagen hat und das Erbe Sun Ras erhält.

Als Sun Ra vor 25 Jahren verstarb, oder vielmehr zu seinem Heimatplaneten Saturn zurückkehrte, wie er sagen würde, übernahm Allen die Leitung des „Arkestras“. Sun Ra kreierte das Wort Arkestra aus den Worten Orchester und Arche, denn sein Ensemble sollte ein rettendes Raumschiff sein, mit dem man den irdischen Problemen entkommen könnte – sah er sich selbst doch als Gesandter des Planeten Saturn.

1957 stieß der US-Amerikaner zum immer mal wechselnden Ensemble hinzu und spielt 36 Jahre Saxofon neben Sun Ra. Und nun führt Allen die wegbereitende Arbeit seines Freundes fort. Das tut er mit solcher einer Begeisterung und Bestimmtheit, dass man nur beeindruckt sein kann. Wie ein Lehrer wirkt er, wenn sein Arm hochschnellt, um seinen Mitmusikern einen Einsatz zu geben oder ein Mitspielen zu unterbinden und führt die Band so durch das disziplinierte Chaos, das sie erzeugt.

Auf Fünf-Viertel Takte folgen Exotica-Beats mit Space-Elementen, um dann in bluesigen Walking-Bass-Lines zu münden. So wirkt das Konzert trotz – zumindest für den gewöhnlichen Pop-Hörer – überlangen, rund 10-minütigen Songs überhaupt nicht eintönig. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass die Musiker aus Philadelphia immer wieder für eine Überraschung zu haben sind. Höhepunkte setzt dabei immer wieder Sängerin Tara Middleton. Nicht nur mit ihrem Auftreten, sie steht da im glitzernden Kleid, trägt blauen Lippenstift und verspiegelte Sonnenbrille, sondern vor allen Dingen mit ihrer warmen, tiefen und starken Stimme, gepaart mit ihrer bezaubernden Ausstrahlung. Wenn sie singt, dann scheint auf einmal Ordnung im Chaos zu sein, sie führt die Musiker alle wieder zusammen.

Mit Tanzeinlagen, zahlreichen Improvisationen und Polonaisen durch das tanzende Publikum vermitteln die Musiker, was für sie der von Sun Ra bereitete Free Jazz bedeutet. Weltraumthemen und spirituelle Ideen der afrikanischen Diaspora stehen dabei im Mittelpunkt, suchten doch viele afroamerikanische Musiker in der Astronomie und Science-Fiction ihre Befreiung vom Sklaventum. Und wenn diese zwölf Musiker eins ausstrahlen, dann ist es Freiheit. Da kann es auch mal passieren, dass der Saxofonist Kindel Scott versehentlich den Bühnenvorhang runterreißt, während er mit Breakdance-anmutenden Tanzeinlagen das Publikum begeistert.