Kultur

Kluge Trennungsschmerz-Poesie

Astrid North lädt in der Bar jeder Vernunft zum Konzert mit Gästen: „North-Lichter“

Es ist diese unglaubliche Stimme, die einen sofort gefangen nimmt, wenn Astrid North singt. Dunkel und elegant mit warmem Timbre in den Tiefen, leicht rauchig und geerdet in den Höhen. Da heißt es, sich fallen lassen und genießen. Kaum eine andere vermag mit ihrem Gesang so zu berühren wie die Berliner Ausnahmekünstlerin. Wie jetzt mit dem intimen Song „For A Minute Or So“ von ihrem zweiten Solo-Album „Precious Ruby“. Zu recht haftet Astrid North das Attribut der „Leading Lady der hiesigen Soulszene“ an, wie ein Nachrichtenmagazin sie einmal bezeichnete.

An diesem wie an den kommenden Abenden steht die ehemalige Frontfrau von Cultured Pearls nicht allein auf der Bühne. Für ihre Reihe „North-Lichter“ im Rahmen des 4. Frauensommers in der Bar jeder Vernunft hat sie drei Sängerinnen eingeladen. Alle mit ganz eigenem Profil. Mit unbedingt empfehlenswerten, handgemachten Songs im Gepäck. Begleitet werden sie dabei von Astrid North’ exzellenter Bassistin Franziska Plückhan und ihrem formidablen Schlagzeuger Benjamin Glass. Dazu gesellt sich Y­azzmin als Gastmusikerin Yazzmin am E-Piano.

Den Auftakt macht Katja Aujesky. Eine zarte Blonde im weißen Wallekleid mit dem Song „Keine Tränen“. Kluge Trennungsschmerz-Poesie im feinen Balladen-Gewand. Auch Tokunbo erweist sich als Meisterin der leisen Töne. Sie erzählt vom letzten Abschied, der besonders schwer ist. In ihrer frühen Kindheit in Nigeria sagte man, wenn man nach dem Tod eines Menschen einen Kolibri sieht, dann ist die Person an einem guten Ort. Der Song „Humming Bird“ beschreibt dieses Vergehen und Aufsteigen. Aufwühlend bis zum letzten Ton.

Auch, wenn viele der Songs eher nachdenklich stimmen, ist der Abend sehr heiter. Was vor allem an der angenehm charmanten Astrid North liegt. Sie verrät unter anderem, wie sie ihre Gäste kennen gelernt hat. Bei Katja Aujesky etwa hat ein gemeinsamer Bekannter eine E-Mail-Verbindung hergestellt. Mit Tokunbo indes verbindet die Sängerin schon seit Langem eine Freundschaft.

Ungewöhnlich war jedoch die Einladung von Mine zum Konzert. Da hat sich Astrid North ganz auf die Empfehlung ihres Schlagzeugers verlassen. Ohne vorher zu recherchieren. Ihre Erleichterung war allerdings groß, als sie merkte, welcher Glücksgriff ihr damit gelungen ist. Die Songwriterin Mine ist nämlich die größte Überraschung des Abends. Während sie „Der Mond lacht“ singt, sampelt sie ihren Gesang und ihr Klatschen, fügt beides mit der Klaviermelodie zu einem aufregenden Arrangement zusammen. Mit äußerst wandlungsfähiger Stimme und bildstarken Lyrics verwandelt sie zudem jeden ihrer Songs in einen musikalischen Treffer.

Natürlich zelebrieren die Künstlerinnen auch gemeinsam. Dabei begeistern sie ihr Publikum so nachhaltig, dass Astrid North empfiehlt, auch die kommenden Tage wiederzukommen. Dann steht sie etwa mit der Jazz-Sängerin Lisa Bassenge und Ivy Quainoo auf der Bühne. Letztere gewann 2012 die erste Staffel der Gesangs-Castingshow „The Voice Of Germany“. Der Abend endet, wie er begann. Mit „Coins“, einem Song der North. Diesmal aber nicht solistisch, sondern mit allen Musikern auf der Bühne. Traumhaft schön.

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24,
Wilmersdorf, Tel. 883 15 82. Mi.–Sa. 20 Uhr,
So. 19 Uhr , bis 29. Juli