Kultur

Lichtblick mit jeder Menge Insel-Rock-’n’-Roll

Viel mehr als ein One-Hit-Wonder: Amy Macdonald in der Zitadelle Spandau

Und plötzlich ist sie erblondet. Über Nacht sozusagen. Als die schottische Sängerin Amy Macdonald am Dienstagabend in der Zitadelle Spandau ins Rampenlicht tritt, ist nichts mehr von der tiefschwarzen Gothic-Mähne zu sehen, die sie auf der Bühne immer ein wenig mit einer düsterromantischen Aura umgab. Was nie wirklich mit ihrer positiv gestimmten, folkig-rockigen Musik korrespondierte. Aufbrausender Jubel von mehr als 4000 Fans begrüßt die Songschreiberin, als sie mit ihrer Fünf-Mann-Band und dem poppig-eingängigen neuen Song „Under Stars“ ihr Berlin-Gastspiel eröffnet.

Amy Macdonald ist ein Phänomen. Es ist mittlerweile elf Jahre her, dass sie mit dem Titelsong ihres Debütalbums „This Is The Life“ einen Welthit landete, der auch zum Soundtrack diverser Werbespots wurde. Da war sie gerade mal 19 Jahre alt. Allein in Deutschland wurde sie damals für mehr als eine Million Verkäufe mit gleich fünf Mal Platin ausgezeichnet. Nie wieder konnte sie solch einen Erfolg erreichen, und dennoch bewies sie sich mit ihren bislang vier Studioalben als eine beständige Sängerin und Songschreiberin mit Sinn für breitenwirksame Themen und eingängige Melodien.

„Guten Abend Berlin“ –

„Es ist sehr heiß“

Vor einem gerafften roten Vorhang steht sie unprätentiös unter einem Himmel aus runden Glühlampen. Immer ganz vorn. Immer ganz nah am Publikum, das ihr, egal in welcher Stadt, egal in welchem Land, so sehr am Herzen liegt. Nach „Spark“ vom zweiten Album „A Curious Thing“ begrüßt sie ihre Fans auf Deutsch mit „Guten Abend, Berlin“ und setzt ein „Es ist sehr heiß“ hinterher. Eigentlich sei es zu heiß für jemanden aus Schottland, aber zum Glück habe sie ja einen Schattenplatz. Und einen Ventilator. Immer wieder plaudert sie im Verlauf des Abends in charmantem schottischem Akzent mit dem Publikum. Und geht mit „Youth Of Today“ noch einmal zurück zu einem Song vom Debütalbum.

Auch wenn sie es versteht, eingängige Lieder auf der Gitarre zu komponieren – eine Folksängerin ist sie nie gewesen. Ihre Musik ist eine Melange aus Folk, Country und jeder Menge Insel-Rock-’n’-Roll, wie ihn einst britische Pubrock-Helden wie Dave Edmunds oder Nick Lowe manifestierten. Das zeigt sich am intensivsten beim Stück „Love Love“. Ihre Band mit zwei Gitarristen, Bass, Keyboards und Schlagzeug macht ordentlich Druck, während Amy Macdonald mit ihrer kraftvollen Altstimme, mit der sie scheinbar mühelos von der Brust- in die Kopfstimme wechseln kann, vom jugendlichen Alltag, persönlichen Beobachtungen und Liebesfreud und -leid singt.

Bei der Ballade „4th of July“, ihrer Liebeserklärung an New York, wird das voluminöse Arrangement etwas heruntergefahren und auch das neue ­„Leap Of Faith“ kommt sanft akustisch mit ausgefeilten Satzgesängen daher, bevor mit „Poison Prince“ wieder Fahrt aufgenommen wird. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass sie für die britische Disney-Filmkomödie „Patrick“ einige Songs geschrieben habe. „The movie is good“, sagt sie mit einem Lächeln. „But the soundtrack makes it better“. Und natürlich spielt sie mit „Woman Of The World“ auch einen Song daraus, der in einem ausufernden Gitarrensolo endet.

Immer wieder animieren Amy Macdonald und ihre Musiker das Publikum zum Mitmachen. Hände werden in die Höhe gereckt, Refrains werden mitgesungen, rhythmisch wird mitgeklatscht und als der Bassist gegen Ende eine Taschenlampe anknipst, werden auch artig hell leuchtende Smartphones in der Menge geschwenkt. Dann endlich kommt, worauf alle gewartet haben. Als die Band die ersten Takte von „This Is The Life“ anstimmt, ist die Zitadelle nicht mehr zu halten. Alles jubelt, tanzt, singt mit und ist einfach glücklich. Dieses Lied, in dem Amy Macdonald von einer euphorisch durchfeierten Nacht erzählt, hat sie berühmt gemacht. Damit hat sie sich in die Herzen von Millionen Fans gesungen. Es ist ihr Markenzeichen und sie spielt es in jedem Konzert, als sei es das erste Mal.

Gegen Ende wird es noch einmal richtig bewegend. Bei der neuen Ballade „It’s Never Too Late“, in der sie untermauert, dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist, wird sie nur von ihrem Pianisten begleitet. Es ist mucksmäuschenstill auf dem Zitadellenhof. Umso frenetischer ist der darauffolgende Applaus, bevor die schottische Entertainerin mit dem so gefälligen wie lebensbejahenden „Life In A Beautiful Light“ ins Finale geht.

Zu Beginn der Zugaben macht sie mit dem Smartphone ein Foto und ein Filmchen vom Publikum, bevor sie ganz allein zur Gitarre die sehr persönliche, ihrer Mutter gewidmete Ballade „Prepare To Fall“ singt. Noch einmal kehren ihre Musiker zurück für das nahezu soulige „Down By The Water“, um dann diese Begegnung mit einer außergewöhnlichen Musikerin mit „Let’s Start A Band“ zu beenden. Auch dieses treibend-rockige Stück stammt vom Debütalbum. Es erinnert in Melodie und Aufbau immer noch fatal an den Hit „This Is The Life“. Das stört aber nicht an diesem warmen Sommerabend. Der Applaus ist dankbar und langanhaltend.