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Neues Buch

Zwischen Dreck und Glanz: Es war einmal der Westen

Von Wirtschaftswunder bis Mauerfall: Das neue Buch der Historikerin Elke Kimmel erzählt, was die Halbstadt West-Berlin auszeichnete.

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Im Jahr 1948 begannen die Sowjets mit der Blockade Berlins. Die Westalliierten reagierten mit der Luftbrücke

Foto: PA/CSU Archives/Everett Collection

Berlin. Wer schon vor den frühen Neunzigern im westlichen Teil Berlins unterwegs war, wird sich gut an die Durchsagen an den U-Bahnstationen erinnern. Sobald sich die Türen der Züge schlossen, donnerte im Kasernenhofton ein Wort durch die Lautsprecher, das jeden Neuling in der Stadt zutiefst erschrecken musste. Der Befehl „Zurückblei’m!“, gern auch zum noch zackigeren „Z’ückblei’m!“ verkürzt, stellte auf die denkbar prägnanteste Weise jene rustikale Unhöflichkeit zur Schau, für die Wohlmeinende gern den Begriff der „Berliner Schnauze“ verwendeten.

Erst Anfang der 90er-Jahre schulten die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Personal darauf um, der herrischen Ansage noch ein „Bitte“ folgen zu lassen. Und ohne dass es irgendwem auffiel, verschwand so ein Stück jener „halben Stadt, die es nicht mehr gibt“ – so der Titel eines schönen Buches, das die Berliner Autorin Ulrike Sterblich 2012 veröffentlichte und in dem sie ihre in den 70er-Jahren beginnende Kindheit in West-Berlin schilderte.

Die Historikerin Elke Kimmel wählt nun einen weniger subjektiven Zugriff und einen größeren historischen Ausschnitt, der vom Jahr 1946 bis zum Mauerfall reicht. Ihr Anspruch liegt darin, „zu beschreiben, wie verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten diese Stadt erlebten, wie sie sich zurechtfanden oder scheiterten und wie sie sich begegneten. Ich möchte erzählen, wie sich West-Berlin in den 60er-Jahren anfühlte und wie in den 80ern.“

Daran hält sie sich, und es gelingt ihr dabei auf unterhaltsame Weise, eine Mentalitätsgeschichte der West-Berliner zu schreiben, zu der die oben erwähnte (und wohl vom preußischen Protestantismus vererbte) Ruppigkeit genauso gehörte wie das Bewusstsein der eigenen Besonderheit als Bastion der Freiheit im „roten Meer“.

West-Berlin bestand noch aus Ruinen, als es von den Sowjets auch schon wieder abgeriegelt und von den Westalliierten aus der Luft versorgt werden musste. Daraus ergab sich bei vielen West-Berlinern eine tiefe Verbundenheit mit den US-Amerikanern, während man mit den fernen Westdeutschen gern auch mal fremdelte – zumal nach dem Mauerbau, als sich Bundeskanzler
Adenauer neun Tage lang nicht in Berlin blicken ließ.

Kimmel zeichnet die vielen Phasen, Wandlungen und Brüche der speziellen West-Berliner Disposition nach, dieses weltweit einzigartige Ineinander von Spießbürgerlichkeit, Wohngemeinschaftskultur, Stasi-Misstrauen, Avantgarde, Reaktion, Bauskandalen, Dreck und Glanz. Wie schön und wie schade. dass es nicht mehr existiert.

Elke Kimmel: West-Berlin. Biografie einer Halbstadt. Ch. Links Verlag, 274 Seiten, 25 Euro. Das Buch erscheint am 1. August.