Kultur

In den Schulferien den Direktor entführen

Neue Serie „Sommerlektüre“: Das Romandebüt des Berliner Filmregisseurs Axel Ranisch über einen ziemlich heißen Sommer in der Stadt

Urlaubszeit ist Lesezeit. In den Ferien ist endlich mal Gelegenheit, um nach Büchern zu greifen, die man immer schon mal oder noch einmal lesen wollte. Die Berliner Morgenpost gibt in loser Reihenfolge ein paar Lektüretipps. Lieblingsbücher der Redaktion, die auch im Sommer spielen.

Der Sommergott kann schon ziemlich grausam sein. Vor allem, wenn er in Gestalt zweier pubertierender Berliner Jugendlicher auftritt, die nichts Besseres zu tun haben, als ihren sturzbetrunkenen Schuldirektor zu filmen und ihn anschließend unerkannt in dessen Luxuswohnung zu verfrachten. Diese Grundidee klingt so fürsorglich wie bizarr, wird aber allmählich richtig kriminell. Die beiden Täter sind Jannik und Tai. Außenseiter, die von ihren Mitschülern Fetti und Fidschi genannt werden, weil der eine dick ist und der andere ein Asiat. Ausgrenzung schweißt zusammen. Jannik macht denn auch bei Tais finsterem Plan mit, den unglücklichen und nicht sehr sympathisch wirkenden Herrn Lamprecht nicht mehr aus seinem Appartement zu lassen und sich von außen in die Technik von dessen Smart Home zu hacken.

Als der Lehrkörper als Gefangener in seinen eigenen vier Wänden erwacht, knallt die Sonne durch die riesigen, isolierten, nicht zu öffnenden, bruchfesten Fensterscheiben. Und irgendwo da draußen im Berliner Sommer haben zwei Teenager die Kontrolle über Heizung, Klimaanlage, Strom, Wasser und Internet übernommen.

Es ist also ganz schön heiß in „Nackt über Berlin“, dem Romandebüt des Berliner Filmregisseurs Axel Ranisch, und es wird immer heißer, wie eine sich verselbstständigende, freidrehende Wunscherfüllung nach ewiger Hitze. Bis sich der Direktor irgendwann seiner Klamotten entledigt und Wasser aus dem Wäsche­trockner trinkt. Wie dünn die Grenze doch ist zwischen hochgerüstetem Wohnluxus und dem Rückfall in animalische Überlebensinstinkte!

Ranischs so zärtlich wie witzig geschriebene Mischung aus urbaner Coming-of-Age-Abenteuergeschichte, bösem Kammerspiel und liebevollem Berlinporträt spielt sich zwischen kalter Gentrifizierungsarchitektur, peinlichen familiären Tischszenen und dem Gewusel in den Markthallen des Lichtenberger „Dong Xuan Centers“ ab. Das alles liest sich rasant und steckt voller überraschender kleiner Kuriositäten, wie man es auch aus Ranischs Filmen „Dicke Mädchen“ oder „Ich fühl mich Disco“ kennt. Dazu zwirbelt sich beim Lesen ein Soundtrack aus Beethoven und Tschaikowski ins Ohr, denn der dicke Jannik interessiert sich statt fürs Schwimmtraining, das sein Vater ihm aufdrängt, mehr für klassische Musik – und für Tai.

Wer gerade genötigt sein sollte, den Sommer statt am Strand in einem gesichtslosen Büro, einem Krankenhausbett oder anderen Formen der Zwangsstilllegung zu verbringen, dem legt dieses Buch eine sanft kühlende Trost-Decke übers Gemüt.

Axel Ranisch: Nackt über Berlin.
Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro.