Kultur

Tanz auf dem Vulkan

Jeden Sommer verwandelt sich das Tipi Zelt in den Kit Kat Klub von „Cabaret“ – wie immer mit ein paar leichten Neuerungen

Es brodelt im grell blinkenden Kit Kat Klub. Die leicht geschürzten Girls schwingen Beine und Hüften, als gebe es kein Morgen. Zur Unterhaltung der Gäste natürlich. Aber auch immer als sexy Einladung. Auf der Suche nach einem Zuverdienst mit einem willigen Kerl in irgendeiner dunklen Ecke. Angeboten werden die Frauen wie Ware vom sardonisch grinsenden Conférencier. Der spielt gern mit dem Feuer. Wie eigentlich alle Besucher im Kit Kat Klub. Je lasziver dabei die Frauen sind, desto besser. Dass es hinter den Kulissen des Klubs ziemlich drastisch zugeht, ahnt man erst mal nicht. Wohl aber, dass dieser Tanz auf dem Vulkan am Vorabend des Nationalsozialismus ein böses Ende nehmen wird. Der Amerikaner Clifford Bradshaw indes erliegt der aufgeheizten Atmosphäre total – und dem flirrenden Charme von Showgirl Sally Bowles.

Ein Muss für alle Berliner und Berlin-Besucher

Wieder einmal hat sich das Tipi in den berühmten Kit Kat Klub verwandelt und schickt sein Publikum mit dem Musical „Cabaret“ auf eine Reise in die Vergangenheit. Zurück in die Zeitenwende zwischen dem Ende der wilden Zwanziger und Anfang der Dreißiger, dem Aufkommen des Nazi-Terrors. Auch bei der Wiederaufnahme im mittlerweile 14. Jahr hat die legendäre Inszenierung des US-Choreographen und Regisseurs Vincent Paterson nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Die liebevollen Kulissen von Bühnenbildner Momme Röhrbein und die Kostüme von Fiona Bennet verströmen feinstes 20er-Jahre-Flair, zuweilen herrlich nostalgisch, dann wieder erfrischend frivol. Dazu spielt die fünfköpfige Band unter der Leitung von Adam Benzwi elegant instrumentiert die wunderbar jazzigen, zeitlosen Kompositionen von John Kander.

Premiere feierte „Cabaret“ im Oktober 2004. Ursprünglich im Schwesterzelt, der Bar jeder Vernunft. Damals spielte Schauspiel-Star Anna Loos die so überdrehte wie verruchte Nachtclub-Sängerin Sally Bowles. Jene Rolle also, mit der Liza Minelli ihren internationalen Durchbruch feierte. Damals, 1972 in der kongenialen, achtfach Oscar-gekrönten Verfilmung des Musicals von Bob Fosse. Einer der Goldjungs ging an Minelli als beste Hauptdarstellerin.

Film wie auch Musical basieren auf Christopher Isherwoods autobiografischem Episodenroman „Goodbye to Berlin“ aus dem Jahr 1939. Und auf dem Stück „Ich bin eine Kamera“, das US-Schriftsteller und Drehbuchautor John von Druten 1951 daraus entwickelte.
Isherwoods Alter ego ist Clifford Brad­shaw, den Guido Kleineidam erst stets zuvorkommend, später mit deutlichen Ecken und Kanten gibt.

Anfangs ist er nur ein Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration in Berlin. Ohne rechtes Ziel. Durch Reisebekanntschaft Ernst Ludwig wird er schon am ersten Abend eingeführt in den Kit Kat Klub. Pünktlich zum Auftritt der unvergleichlichen Sally Bowles. Die trägt unter der braven Schulmädchenuniform Bustier und Strapse am wohlgeformten Leib. Doch nicht nur damit beeindruckt sie den gebannten Clifford, sondern auch mit einem einmalig verruchten Auftritt, der ungeheuer viel künstlerische Klasse hat. Ein irrwitziges Spannungsfeld für einen Nachtclub. Doch Sophie Berner als Sally Bowles gelingt dieses Bravourstück mit Leichtigkeit.

Seit 2006 steht die gebürtige Münchnerin als Bowles auf der Bühne. Seinerzeit in der Bar jeder Vernunft noch als unbekannte Newcomerin, der aber schon Chanson- und Schauspiel-Ikone Gisela May eine blendende Karriere prophezeite. Waren früher Prominente wie Maren Kroymann als Fräulein Schneider die großen Namen auf den „Cabaret“-Plakaten, ist es heute längst Sophie Berner selbst. Ihre Sally Bowles ist eine Sensation! Sie strotzt nur so vor Charisma. Schön wie ein Schmetterling und ebenso wenig zu fassen. Wenn sie stimmgewaltig den Song „Cabaret“ anstimmt, liegt ihr das Publikum erst zu Füssen, bevor es dann stürmisch applaudierend von den Plätzen aufspringt. Was für eine Frau, welch eine Stimme! Wer war noch gleich Liza Minelli, mag sich da manch einer fragen.

Richtig in Fahrt kommt die Geschichte denn auch, als Sally sich ungefragt bei Clifford einnistet. Mit ausdrücklicher Zustimmung von Pensionswirtin Fräulein Schneider. Clifford hingegen will eigentlich in Ruhe schreiben – und steht vor allem nicht auf Frauen, sondern auf Männer. Doch in die egoistische Sally verliebt er sich so sehr, dass er sich in ihr verliert.

Gewinner der Herzen ist jedoch ein anderes Paar: Fräulein Schneider (Kathrin Ackermann) und Herr Schultz (Dirk Schoedon). Zwei scheue, ältliche Rehe, die vorsichtig eine Romanze wagen. Ja, sogar ihre Verlobung feiern. Doch dann geht das Schaufenster von Obsthändler Schultz zu Bruch. Weil er Jude ist. Daraufhin löst Fräulein Schneider die Verbindung mit ihm. Schließlich sind viele ihrer Nachbarn und Freunde auf einmal Nationalsozialisten. Ein Fanal für Clifford, der klarsichtig aus seinem Party- und Liebes-Dauerrausch erwacht und die aufziehende Gefahr erkennt.

Eine fulminante Inszenierung, die ernste Töne nicht scheut. Ein Muss für Berliner und Berlin-Besucher.

Tipi am Kanzleramt, Große Querallee,
Tiergarten, Tel. 39 06 65 50. Di.–Sa. 20 Uhr, So. 19 Uhr, bis 23. September.