"Dolce Vita"-Tour

Jonas Kaufmann überzeugt mit schamlosem Wohlklang

Star-Tenor Jonas Kaufmann gibt bei seinem Konzert in der Waldbühne den eleganten Unterhalter.

Jonas Kaufmann am Freitagabend auf der Waldbühne

Jonas Kaufmann am Freitagabend auf der Waldbühne

Foto: Harald Hoffmann (c) Sony Music Entertainment

Berlin. Eine der letzten Zugaben singt Jonas Kaufmann mit den Händen in den Hosentaschen seines schwarzen Anzugs. Er singt sie mit Kraft und Präzision, mit Eleganz und Lässigkeit. Genau das ist die Mischung, die Kaufmann – man merkt es – für sein erstes großes Solokonzert in der Berliner Waldbühne vorschwebt. Das Programm versucht „einen Spagat zwischen dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert“, sagte Kaufmann vorab in einem Interview. „Das heißt zwischen dem, was bis vor gut hundert Jahren so genannte Popmusik war, die populären Gassenhauer – und dem, was dann damit im 20. Jahrhundert passiert ist.“

Einen doppelten Traum von Italien will Kaufmann den Berlinern und Angereisten präsentieren: vom hochkulturellen und vom populären Italien, und wie beide musikalisch fast nahtlos ineinandergreifen. Trotz Regens vorab und durchweichter Wege zur Waldbühne sollte Kaufmann das nicht schwerfallen, ist Italien doch spätestens seit Goethe das Lieblingssehnsuchtsland der Deutschen. Durch die Jahrhunderte suchen sie dort, im metaphysischen „Süden“, wahlweise religiöse, kunstgeschichtliche oder kulinarische Erlösung. Oder – das macht noch heute für den Bürger aus dem rauen Norden den Zauber dieses Landes aus – all das zusammen.

Und dann ist da noch die Oper, diese letzte Bastion des ernstnehmbaren Melodrams. Sie wird wie sonst nur Pizza, Espresso und Stracciatella-Eis in der allgemeinen Vorstellung mit Italien verknüpft: Rossini, Verdi, Puccini – Tebaldi, Bartoli – Caruso, Pavarotti. Jonas Kaufmann ist der vielleicht wichtigste deutsche Erbe dieser Tradition. Seit seinem Debüt an der Metropolitan Opera in New York 2006 singt er an allen großen Häusern der Welt, gerne Verdi und Puccini, sehr gern aber auch Wagner.

So kommt der erste, ernstere Teil des Abends auch manchmal etwas teutonisch-schwer daher, vor allem die Auszüge aus Pietro Mascagni „Cavalleria Rusticana“, dieser hoch dramatischen Eifersuchtsgeschichte des Verismo. Bei aller Stimmgewalt, allem Facettenreichtum und Können des Ausnahmetenors klingt der mediterrane Schmelz da ein wenig eingeübt. Auch das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Jochen Rieder fiedelt die eine oder andere Interlude etwas kratzig herunter – oder liegt's an der Akustik, der schwierigen Aufgabe, ein ganzes Orchester klangtechnisch zu verstärken – noch dazu mitten im Wald, wo es für Geigen und Celli eigentlich viel zu feucht ist?

Als Jonas Kaufmann ins T-Shirt schlüpft, kommt das Konzert an, wo es hin will

Erst als sich die Dämmerung gnädig über die Waldbühne senkt, Jonas Kaufmann kurzerhand die Pause streicht, weil mehr Regen angekündigt ist – erst als dieser Regen doch ausbleibt und Kaufmann das weiße Hemd gegen ein weißes T-Shirt tauscht, kommt das Konzert dort an, wo es hin will: beim einfachen, klaren Lied, bei romantischen Serenaden und Canzoni. Von Leoncavallo über Ernesto de Curtis ins 20. Jahrhundert, zu Fellinis Leib- und Magenkomponist Nino Rota oder den etwas arg schlichten Schlagern von Lucio Dalla.

Und obwohl Jonas Kauffmann und sein Gast, die junge georgische Mezzo-Sopranistin Anita Rachvelishvili, gefeierte Opern-Stars sind, obwohl sie sich in dramatischen Duetten wie Mascagnis „Tu qui Santuzza … No, no, Turiddu“, in denen sie auch mal schauspielern dürfen, besonders wohl fühlen, sind gerade diese Lieder, an die beider Kunst fast verschenkt erscheint, die Highlights des Abends. Ernesto de Curtis „Torna a Surriento“ etwa, bei dessen ersten Takten ein Raunen durch die Menge geht. Oder Romano Musumarras „Il Canto“, das sie innig und anrührend interpretieren, mit zweistimmigem Finale und Orchester-Ausbrüchen in allerstrahlendstem Dur. Das ist so hemmungslos lyrisch, dass eine Dame im Publikum sich zu ihrem Mann wendet und „schööön“ sagt – mit ganz langem „ö“.

Eine fiese schwarze Spinne an Stahlseilen

Schön finden das auch die anderen 18.000 Zuhörer, unter ihren Regenkutten schunkelnd und mitsummend. Zu Recht. Gut gefüllt ist das Amphitheater, nur ganz oben noch ein wenig Platz. Den wird man vermutlich nicht zu sehen bekommen, falls man sich das ganze am 15. Juli im ZDF anschaut. Dafür wurde die Dolce Vita aufgenommen. Monströs klobige Kameras stehen herum, andere werden über die Bühne getragen, immer wieder leuchtet jemand der ersten Reihe ins Gesicht. Und zwischen Menschenmenge und Wolken kreist etwas, das aussieht wie eine fiese schwarze Spinne an Stahlseilen. Für den Überblick, die Götterperspektive. Man fühlt sich bei aller Romantik ein wenig überwacht.

Sonst gibt es noch raschelnde Wärmefolien, Wein- und Bier-Einkäufe und lebendige, halblaute Unterhaltungen, immer wenn Kaufmann mal nicht selbst in Aktion ist. Bratwurstduft zieht von den Ständen herüber, während Kaufmann von Himmel und Meer, Liebe und Verlust singt. Hin und wieder durchbrummt ein Flugzeug Richtung Tegel die zarteren Passagen. Dann aber haut das RSO ein paar Tutti ins Rund, die Bravorufe werden lauter, die Standing Ovations länger.

Und selbst der Gassenhauer „Volare“, den neben unzähligen Hotelbarmusikern auch Dean Martin und Luciano Pavarotti zu singen sich nicht zu blöd waren – selbst diese Lied gewordene Eiscreme kann Kaufmanns Wohlfühlkonzert nichts anhaben. Zu souverän, zu charmant gibt der Sänger den Unterhalter, zu schamlos badet er die Waldbühne in Wohlklang. Die Menschen singen mit – halb ironisch, halb ergriffen. Als Rausschmeißer gibt es noch „Nessun Dorma“ aus Puccinis letzter Oper „Turandot“, eine Art Blaupause all dieser Tenorarien, die auf einer hohen Note enden. Natürlich trifft Kaufmann den Ton. Und natürlich ist diese Arie unsterblich und völlig unkaputtbar. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf. Das Publikum tänzelt summend durch Berliner Sommerpfützen nach Hause.

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