Kultur

Biografie voller tiefer Abgründe

Je mehr die Erinnerungen an die reale DDR verblassen, desto öfter frage ich mich, wer von den vielen Musikern, Malern, Literaten nachfolgenden Generationen als typisch für diese kurze historische Epoche gelten wird. Als Urlaubslektüre habe ich ein altes Bändchen mit Gedichten von Johannes R. Becher (1891–1958) aus dem Regal gekramt und Jens-Fietje Dwars’ Becher-Biografie „Triumph und Verfall“ bestellt. Becher galt offiziell als Kommunist, war erster DDR-Kulturminister und Schöpfer der Zeilen „Auferstanden aus Ruinen“, die von Hanns Eisler zur Nationalhymne vertont wurden. Aber seine Biografie lässt tiefe Abgründe und Zweifel ahnen.

Die Münchner Bildungsbürgerfamilie ist erzkonservativ, sein Vater unerbittlich. Der minderjährige Johannes will sich wie sein Vorbild Heinrich von Kleist umbringen. Seine Jugendliebe erschießt er, er selbst überlebt. Er wird Expressionist und morphiumsüchtig. Später steigt er in der KPD-Hierarchie auf, entkommt der SA und überlebt im Exil Stalins mörderische Tyrannei. Zurück in der Sowjetischen Besatzungszone will er als Kulturbund-Präsident Emigranten wie Brecht, die Brüder Mann oder Eisler zurückholen. Er denkt gesamtdeutsch und wird schließlich kaltgestellt. Geschrieben hat er immer. Vielleicht lohnt es sich, seine DDR-Literatur mit Abstand zu lesen.