Kultur

Kinder an die Instrumente

Die Staatsoper gründet ein junges Opernorchester und arbeitet mit Musikschulen in den Bezirken zusammen

Es war schon ein Paukenschlag, als der neue Staatsopern-Intendant Matthias Schulz vor vier Monaten in einer Anhörung des Kulturausschusses seine Pläne für ein Berliner Kinderopernhaus sowie für ein Opern-Kinderorchester vorstellte. Die Staatsoper nämlich nahm man – wiewohl über 15 Jahre der charismatische Opernpädagoge Rainer O. Brinkmann dort am Werk war – bisher keineswegs primär über ihre Aktivitäten für Kinder wahr. Eine Jugendproduktion pro Spielzeit auf einer Werkstattbühne, daneben Workshops über bestimmte Opernstoffe, das war vom Umfang her eher durchschnittliche Nachwuchsarbeit.

Das Image des Hauses jedoch war und ist von Daniel Barenboim, der Staatskapelle sowie dem internationalen Wagner- und Verdi-Sängerzirkus geprägt. Der Glanz dieser mondänen Repräsentationskultur weit über die Stadt hinaus hat auch seine Schattenseiten: Gerade im Zuge der unseligen, überlangen und skandalös teuren Sanierung litt der Ruf der Staatsoper Unter den Linden in der breiten Bevölkerung erheblich, das Haus wurde noch stärker als zuvor als elitär wahrgenommen, vom städtischen Leben abgekoppelt.

Matthias Schulz ist, zu seinem und vielleicht zum Glück der Berliner, erst später dazugekommen. Er stellt heute mit Überzeugung fest, dass es ihm nie darum gegangen sei, mit Jugendarbeit das Image der Staatsoper zu korrigieren. Seine Pläne für Kinder und Jugendliche seien, so sagt der studierte Pianist und Vater von vier Kindern, sein ureigenstes Bedürfnis. „Ich bin davon überzeugt, dass Musik für eine bessere Zukunft ein entscheidender Faktor ist. Dafür habe ich dann auch einen missionarischen Eifer.“ Und: „Die Pläne mit dem Kinderorchester sind viel zu aufwendig, als dass sie eine reine Profilshow sein könnten.“

Tatsächlich weiß Matthias Schulz, was seine Pläne an Organisationsaufwand bedeuten. Bereits in seiner Zeit als Intendant des Mozarteums Salzburg hat er eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der dortigen kommunalen Musikschule lanciert. Und tatsächlich wären seine entsprechenden Pläne für Berlin, dienten sie lediglich der Flucht der ramponierten Staatsoper nach vorne, zum Publikum hin, wohl nicht so genau durchdacht. Plötzlich ist der „Global Player“ Staatsoper mitten in den Bezirken drin – indem sie von jeder der 13 bezirklichen Musikschulen (drei private sind auch dabei) drei bis vier Schüler in ihrem Kinderorchester aufnimmt. 90 Kinder sind das am Ende. Beginn der Probenphase wird im neuen Schuljahr sein.

Prokofjews „Peter und der Wolf“ zum Auftakt

Die Staatskapelle pickt sich dabei nicht einfach in Bewerbungsvorspielen die besten Musiker unter den 7- bis 12-Jährigen heraus. Die Eleven werden von den Musikschulen selbst vorgeschlagen. Dass wirklich Siebenjährige mitspielen – nun ja, sagt Schulz, die Zahl sei eher symbolisch. Schließlich geht es schon in der ersten Probenphase, die diesen Herbst beginnt und bis zu den Staatsopern-Festtagen 2019 währt, um ein schwieriges Stück wie Prokofjews „Peter und der Wolf“. Aber Achtjährige habe man durchaus dabei. „Dass die Kinder nicht älter als zwölf sein sollten, das halten wir im Streicherbereich streng durch – aber bei den Bläsern fangen die Kinder üblicherweise erst später mit dem Instrument an. Da sind sie auch mit 14 eigentlich noch Kinder.“ Am 20. April 2019 wird Daniel Barenboim bei den Festtagen die erste Aufführung von „Peter und der Wolf“ dirigieren. Das „Auftreten mit Künstlern, die ein wenig dem Alltag enthoben sind“, das ist es mitunter, was Schulz den Musikschülern bieten will und an seinem Haus auch kann.

Von den Staatskapellenmusikern ist dabei viel Erfahrung, instrumentalpädagogisches Detailwissen gefragt – als Mentoren, die allerdings teilweise als Orchestermusiker nicht sofort Instrumentalpädagogen sind. Deshalb tun sie sich für jede Stimmgruppe des Kinderorchesters jeweils mit einem Musikschullehrer als „Tandem“ zusammen. Die Berührung mit „dem Alltag enthobenen Künstlern“ bringt auch für die Künstler etwas: Die Oper als „geschlossenes System“ wird aufgebrochen. Mit diesem Begriff meint Schulz auch den aufwendig produzierten, bestens abschnurrenden und tendenziell mit der Welt etwas berührungsarmen Apparat Oper.

Alle zwei Jahre eine große Produktion

Für die große Mehrheit der Berliner Kinder, die kein oder noch kein Instrument spielt, arbeitet er ab sofort gezielt dagegen mit dem Projekt „Kinderopernhaus“. Ursprünglich in Lichtenberg in Zusammenarbeit mit der Caritas gegründet, soll dieses Opernhaus zukünftig auch Unter den Linden selbst seinen Spielort bekommen, mit zusätzlichen Wurzeln in Grundschulen der Bezirke Reinickendorf, Marzahn-Hellersdorf und Mitte. Dort findet die erste Berührung der Kinder mit dem Phänomen Oper statt, dort schauspielern und singen sie erstmals, auch mit sozialpädagogischer Begleitung der Caritas. „Ein Jahr lang“, so Schulz, „muss man durchhalten, dann kommt man in das Kinderopernhaus des jeweiligen Bezirks“ – für alle Kinder die zweite Stufe auf dem Weg zur großen Oper. Und am Ende mündet dies alle zwei Jahre in eine große Produktion des Kinderopernhauses in der Staatsoper selbst – für Juni 2019 ist Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ geplant. Das Tolle sei, dass die Bezirke mit ihren Bürgermeistern und Kulturverantwortlichen mitwirken würden. Matthias Schulz ist mit drei Monaten lange genug Intendant in Berlin, um einschätzen zu können, wie viel er da für sein einst so „geschlossenes System“ Staatsoper schon erreicht hat.

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