georg-Büchner-Preis

Berliner Autorin Terézia Mora wird ausgezeichnet

Die Berliner Schriftstellerin Terézia Mora bekommt den Georg-Büchner-Preis 2018. Die Begründung ist allerdings seltsam.

Buchautorin und Schriftstellerin Terezia Mora.

Buchautorin und Schriftstellerin Terezia Mora.

Foto: Krauthoefer

Berlin. Das Jahr 1997 verlief für Terézia Mora unter der, zugegebenermaßen etwas abgenudelten, Überschrift: Sie war jung und brauchte das Geld. Terézia Mora war 26 Jahre alt und Drehbuchstudentin und bekam immer wieder zu hören, sie schreibe literarisch, was in der Filmbranche als Vorwurf gemeint ist. Sie verfasste den ersten Prosatext ihres Lebens, reichte ihn beim Open Mike ein, las ihn vor und gewann. „Das hat mich nicht überrascht“, hat sie in einem Interview mit dieser Zeitung erzählt, „ich bin ja dahin gegangen, um zu gewinnen“. So eiskalt wie früher, sagte sie dann noch, mit den Jahren werde sie nervöser. „Wenn man jung ist, hat man nichts zu verlieren und ist es unvorstellbar, nicht zu gewinnen.“

Für den Open Mike erhielt Terézia Mora damals 3000 Mark, gestern sind 50.000 Euro hinzugekommen. Die Schriftstellerin wird mit dem Georg-Büchner-Preis 2018 ausgezeichnet, die Verleihung findet am 27. Oktober statt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt den Preis alljährlich, und in den Nachrichtenagenturen folgt der Standardsatz, dass es sich bei dem Preis um die wichtigste literarische Auszeichnung.

Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Akademie in Darmstadt in den vergangenen Jahren Beträchtliches geleistet hat, um den Preis zu entwerten. Walter Kappacher, Reinhard Jirgl, Friedrich Christian Delius, Felicitas Hoppe, Sibylle Lewitscharoff und Jürgen Becker hießen die Preisträger von 2009 bis 2014. Bei allen Unterschieden verbindet sie eine Sperrigkeit der Sprache, die Konzentration auf maximal kunstvolle Prosa überdeckt den oftmals läppischen Inhalt. Mit der Auszeichnung von Rainald Goetz 2015, der berührende wie brutale Texte schreibt, begann die Wende zum Zugänglichem, zum Relevantem.

Aus der Belanglosigkeit des Alltags macht sie Literatur

Drei Romane und zwei Erzählbände hat Terézia Mora veröffentlicht. 2013 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für „Das Ungeheuer“, den – je nach Sichtweise – Fortsetzungs- oder Ergänzungsroman zu „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ über einen IT-Spezialist, der einmal alles hatte – die große Liebe, das große Geld und „für ihn existenziell“, immer reichlich zu essen –, und der alles verlor. Ein dritter Band ist in Planung, man weiß nicht, ob man das dem einst so lebensfrohen Darius Kopp wirklich gönnen möchte.

1990 kam Terézia Mora aus Ungarn nach Berlin, sie hatte das Abitur geschafft und ahnte, dass in Europa ein historischer Umbruch stattfindet, der ihr Möglichkeiten eröffnet, die wenige Jahre zuvor unvorstellbar waren. In ihrer Heimat wuchs sie in einem Dorf auf, in der sie in der einzigen ungarn-deutschen Familie lebte. Heute wohnt sie in Prenzlauer Berg, ist Mutter einer Tochter und erfreut sich an Distanz und Toleranz der Großstadt. Berlin sei „einfach sehr bekömmlich für meine Gesundheit“, hat sie einmal erzählt, „für die geistige, die emotionelle und auch die physische. Das ist der Ort, wo mir das Leben am leichtesten fällt“. Es sei „nicht so übergriffig, wie ich es vorher gewohnt war“.

Terézia Mora ist klug, eigensinnig, schlagfertig, und es verwundert nicht, dass sie mit Katja Lange-Müller befreundet ist („die rufe ich immer in Ex­tremsituationen an“). So charmant und robust-flirty sie sein können, so wenig möchte man zu denen zählen, die sie auf dem Kieker haben.

Ein Allgemeinplatz in Literaturrezeption ist, dass ein jeder sein eigenes Buch liest. Aber doch erstaunt die Begründung der Darmstädter Jury: „In ihren Romanen und Erzählungen widmet sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und trifft damit schmerzlich den Nerv unserer Zeit“, heißt es dort.

Nein, genau so eine Elendsprosa schreibt sie nicht, möchte man Richtung Darmstadt rufen, es ist in Wahrheit genau umgekehrt. Terézia Moras Figuren sind Allerweltsmenschen mit unspektakulären Berufen: Kellnerin, Jungmanagerin, Fotografin, Rezeptionist – wann hat es jemals zuvor in der deutschen Literatur eine Erzählung über einen „Verwaltungsangestelltenanwärter“ gegeben? Sie kommen, wie man so sagt, aus der Mitte der Gesellschaft, und aus der Routine und Belanglosigkeit des Alltags erschafft Terézia Mora ihre Literatur. Da gibt es kein Mitleid und doch Liebe, da gibt es Versagen und Verständnis, und manchmal kippt das ganze Leben, aber das passiert sehr selten, wie im richtigen Leben. Ihr Schreiben sei ein „ernstes Spiel“, hat sei in einem Interview gesagt. Sie arbeite „mit dem, was da ist, mit der Welt, die ich anders zusammensetze, um etwas in der Welt sichtbarer zu machen, was ich gesehen habe“.

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