Kultur

Sitting Bull als amerikanischer Rockstar

New Yorker Intellektuelle trifft einen Häuptling in dem Westerndrama „Die Frau, die vorausgeht“

Über Jahrzehnte hat der klassische amerikanische Western seine aus Europa eingewanderten Cowboys, Kolonialisten und Siedler als idealistische Helden gefeiert. Während die Ureinwohner des Landes meist als blutdurstige Wilde gezeichnet wurden. Erst spät reifte die Einsicht, dass die Indianer nichts anderes taten, als ihren angestammten Lebensraum zu verteidigen. Sie haben diesen Kampf verloren.

Vor dem Hintergrund der letzten Indianerkriege Ende des 19. Jahrhunderts spielt nun Susanna Whites Westerndrama „Die Frau, die vorausgeht“, in dem es vordergründig um die Beziehung einer weißen Frau aus dem Bürgertum zum Lakota-Sioux-Häuptling und Schamanen Sitting Bull geht, der jedoch auf subtile Weise immer wieder die aussichtslose Zukunft der indianischen Stämme und deren rücksichtslose Unterwerfung durch das weiße Amerika aufzeigt.

Kriechgetier und Insekten in Großaufnahme

„Die Frau, die vorausgeht“ basiert auf wahren Begebenheiten, nimmt sich allerdings aus dramaturgischen Gründen jede Menge künstlerische Freiheiten. Die auf starke Frauenrollen abonnierte Jessica Chastain („Die Erfindung der Wahrheit“, Molly’s Game“), die sich längst zur legitimen Nachfolgerin von Julia Roberts entwickelt hat, spielt die New Yorker Künstlerin und Bürgerrechtlerin Caroline Weldon, die im Film seltsamerweise Catherine heißt.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes sucht Catherine den Neuanfang. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, ein Porträt des Häuptlings Sitting Bull (Michael Greyeyes) zu malen und macht sich im Sommer 1889 im Alleingang auf in den Wilden Westen. Dabei macht sie sich wenig Freunde. Zu verhärtet sind die Fronten. Sitting Bull gilt nach wie vor als berüchtigter Indianer-Aufrührer, der General Custers 7. Kavallerie 1876 am Little Big Horn eine vernichtende Niederlage bescherte. Inzwischen freilich lebt er in der Standing Rock Indian Reservation. Und baut Kartoffeln an.

Der örtliche Indianer-Beauftragte James McLaughlin (Ciaran Hinds) will die selbstbewusste Frau ebenso wenig im Reservat sehen wie Colonel Silas Groves (Sam Rockwell), der Catherine fies, feist und feindselig ganz schnell wieder loswerden möchte.

Die britische Regisseurin beleuchtet in imposanten Landschaftsaufnahmen (Kamera: Mike Eley), in denen immer wieder Kriechgetier und Insekten in Großaufnahme auftauchen, die zaghafte Annäherung zwischen dem legendären Häuptling und der New Yorker Intellektuellen. Er, der sich zuvor bereits in Buffalo Bills Wildwest-Show zur Schau stellen ließ, handelt erst einmal eine Gage aus, bevor er einwilligt, sich in Öl verewigen zu lassen.

Zur ersten Sitzung erscheint Sitting Bull in jenem schwarzen Anzug, den er bei seiner Rede vor der US-Regierung getragen hat. Catherine aber will ihn in Stammestracht malen. Sie hätten all ihre Kleidung aus Büffelleder verbrennen müssen, kontert das Sioux-Oberhaupt. Manche hätten es getan. Manche nicht. So wird er ihr später in voller Montur samt Federschmuck Modell stehen. Entgegen aller Überlieferung wirkt dieser Sitting Bull ein wenig wie ein früher Rockstar. Die beiden nähern sich an. Sie entwickeln eine wunderbare Freundschaft. Weil die Frau sich nicht unterordnen will, wird der Häuptling ihr den Namen „Woman Walks Ahead“ geben.

Catherine beginnt sich für die Belange der Indianer im Reservat einzusetzen. Die sollen durch die Halbierung der Essensrationen dazu gezwungen werden, einen zwielichtigen Parzellierungsvertrag zu unterzeichnen, der ihnen noch mehr von ihrem Land nehmen wird.

Gemeinsam mit Sitting Bull versucht sie, den windigen Deal zu verhindern. Doch das Schicksal der amerikanischen Indianer ist da längst schon besiegelt. Die mächtigen Büffelherden, einst Lebensgrundlage der nomadisierenden Stämme, sind von den Weißen ausgerottet worden. Die einzige Hoffnung der in Reservate gepferchten Indianer sind die im Sommer 1890 aufkommenden „Ghost Dances“, rituelle Erlösungstänze, die auch von Sitting Bull unterstützt werden. Auch das zeigt dieser Film. Dabei singen sich Hunderte von Tänzern in Trance, bewegt von dem Glauben, durch die Kraft der „Ghost Dances“ würden die Büffel zurückkehren und die Weißen das Land wieder verlassen.

Militär richtet Massaker am Wounded Knee River an

Die Siedler und Soldaten sahen diese religiöse Tanzbewegung als Affront, sie befürchteten neue Aufstände. An einem schneekalten Dezembermorgen soll Sitting Bull deshalb von der Indianerpolizei festgenommen werden. Das Ganze endet tragisch. Wenige Tage später, so klärt der Nachspann auf, richtet das Militär am Wounded Knee River ein schreckliches Massaker an. An die 300 Indianer – Männer, Frauen und Kinder – werden umgebracht. Wounded Knee gilt als das endgültige Ende der Indianeraufstände. Da war Catherine Weldon längst wieder zurück in ihrem vertrauten New York.

Obwohl mitunter mit Informationen überfrachtet, ist der Regisseurin ein bewegendes Drama gelungen, das aus unterschiedlichen Perspektiven eindringlich vom letzten Kapitel der Eroberung Nordamerikas erzählt. Vier Por­träts hat die echte Caroline Weldon (1844–1921) von Sitting Bull gemalt. Das Ölgemälde, das im Laufe des Films entsteht, ist heute im Museum von Bismarck, North Dakota, ausgestellt.