Kultur

Frieden, Vergebung, Versöhnung

Ein Brite und seine Interpretation von Brittens „War Requiem“

Wer schon immer wissen wollte, warum Daniel Barenboim in der Philharmonie bei Konzerten auf extra-hohe Dirigierpodeste klettert: Es liegt vor allem an seiner Opern-Tätigkeit. Und somit an seiner Gewohnheit, nicht nur den Orchestergraben überblicken zu wollen, sondern zugleich ständigen Kontakt zum Bühnengeschehen weiter oben zu haben. Keine Überraschung also, dass nun auch Sir Antonio Pappano, Musikdirektor des Londoner Opernhauses Covent Garden, auf Barenboims Spezial-Podest zurückgreift. Zumal Pappanos Gastauftritt bei der Staatskapelle tatsächlich viel Weitblick erfordert: Benjamin Brittens „War Requiem“ mit riesiger Orchesterbesetzung und riesigem Chor steht nämlich auf dem Programm – inklusive einem himmlisch entrückten Kinderchor auf der Empore.

Es ist ein abendfüllendes Werk mit Mahnmalcharakter, ein Werk, das eindringlich um Frieden, Vergebung und Versöhnung wirbt. Britten schrieb es 1962 zur Weihe der wieder errichteten Kathedrale von Coventry, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Er verknüpft hier Texte der lateinischen Totenmesse mit Worten des Dichters Wilfried Owen, eines Engländers, der im Ersten Weltkrieg fiel. Die Musik an sich scheint – wie bei Britten häufig – tief in der Vergangenheit verwurzelt bis hin zu gregorianischen Gesangsformeln des Mittelalters.

Und dann als Erlösung ein F-Dur-Akkord

Und doch schafft der Komponist eine Atmosphäre permanenter Beklemmung: durch die Allgegenwart des Tritonus C-Fis, des sogenannten „Teufelsintervalls“. Das gesamte Werk ist auf diesem eigentlich keineswegs ungewöhnlichen Intervallmotiv aufgebaut. Doch welche Spannung und welchen harmonischen Reichtum Britten aus dieser simplen Idee ableitet! Erst im allerletzten Takt ein erlösender F-Dur-Akkord.

Die Staatskapelle unter Pappano allerdings lässt keinen Zweifel daran, dass sie optimistisch in die Zukunft blickt. Warm und wohltönend ist ihr Klang, wuchtig und voluminös. Passend dazu auch die Wucht und Wärme, die der Staatsopernchor ausstrahlt. Nur in ganz wenigen Momenten des „Dies irae“ und „Libera me“ schalten die Musiker urplötzlich auf Hölle um. Überraschend aber auch, wie anders die Staatskapelle spielt, wenn sie die Gesangssolisten begleitet.