Kultur

Die Rückkehr des Dandys

Kinemathek gewährt erste Einblicke in den Nachlass von Helmut Dietl

„Wenn’s mir in München fad ist, geh ich nach Berlin,“ gab Helmut Dietl 2006,
anlässlich der Premiere seiner Regierungsviertel-Satire „Zettl“ zu Protokoll. In Berlin sei zwar auch nicht „so viel los, wie getan wird, aber man hat zumindest das Gefühl.“ Natürlich ist der rastlose Regisseur, Autor und Produzent wieder zurückgekehrt in sein München, enttäuscht von der Ablehnung, die „Zettl“ getroffen hatte. Man wollte sich wohl, nach sieben Jahren Kanzlerschaft
von Gerhard Schröder, keine machtversessenen Lebemänner mehr auf die Stulle schmieren lassen, schon gar nicht vom Dandy Dietl, dessen größte Kinoerfolge, „Rossini“ und „Schtonk“ nicht umsonst das Ende der Ära Kohl begleitet hatten.

2016 wurde „A bissel was geht immer“, Helmut Dietls Autobiographie zu seinem „letzten Film“ erklärt. Sie blieb unvollendet, nachdem Dietl 2015 gestorben war. Seither stapelten sich in München die Umzugskartons mit seinem Nachlass. Am Ende sollen es 250 gewesen sein, die Dietls Witwe Tamara im Herbst 2017 nach Berlin schickte, als Geschenk an die Deutsche Kinemathek. Sie sorgen nun dafür, dass in der Hauptstadt tatsächlich ein „bissel mehr los“ ist. Unter dem Titel „Schwermut und Leichtigkeit“ sind im Museum für Film und Fernsehen bis zum 30. September ein paar erste Devotionalien zu sehen, etwa ein Redemanuskript zur „Schtonk“-Premiere in Tokio. Ob die zwei wuchtigen Stempel mit der vielsagenden Prägung „Out of Budget“ ein Spaßgeschenk oder wirkliches Arbeitsmaterial waren, kann Kuratorin Claudia Wiek am Freitagabend noch nicht sagen. „Doch, doch, das war schon Arbeit“, wirft Tamara Dietl von der Seite ein. Helmut Dietls Arbeit ist nebenan in der Mediathek zu genießen. Hier wird nachvollziehbar, wie etwa bei „Kir
Royal“ und „Rossini“ hoher Anspruch und Publikumserfolg Hand in Hand
gingen. Das war niemandem so
konstant gelungen wie Dietl und seit eineinhalb Dekaden überhaupt niemandem mehr. Wo soll das noch hinführen? Aus solchen schwermütigen Überlegungen reißt Co-Kuratorin Gerlinde Waz. Sie weist den Weg in den Spiegelsaal,
wo sich eine siebenminütige Multiscreen-Collage aus zwölf Dietl-Produktionen in Überwältigung übt. Es gehe
am Bademantel aus „Schtonk“ vorbei, betont sie leichten Sinnes. Und ja, da steht er, in all seiner weiß leuchtenden Frottee-Herrlichkeit. Dazu läuft der passende Filmausschnitt mit Götz George. „Es ist diese wunderbare Szene“, so Waz, „in der er den Bademantel anzieht und dann gleich wieder auszieht.“ Ein Satz, der glatt aus einem Dietl-Drehbuch stammen könnte.

Frühestens in vier Jahren, wenn alle Umzugskartons archivarisch erfasst sind, dürfte die erste große Ausstellung seines Nachlasses wohl das Zeug haben, tatsächlich zu Dietls „allerletztem Film“ zu werden.