Kultur

Als hätten Beckett und Michael Ende Hamlet inszeniert

Ex-Talking-Heads-Kopf David Byrne im Tempodrom

„Konzert“ ist das falsche Wort für dieses Konzert. Tanzperformance, Minimal-Musical, wilde Straßenparty – oder eben doch ein Konzert. Denn bei aller Action wird jeder Ton live gespielt, versichert David Byrne. Keine Playbacks, keine Tricks. Mit 66 Jahren kündigte der einstige Hauptkopf der Talking Heads an, seine aufwendigste Tour seit dem berühmten Konzertfilm „Stop Making Sense“ von 1984 um die Welt zu manövrieren. Vieles sieht an diesem Abend dann auch aus, als wolle er die genau durchdachte, kraftvolle Band-Inszenierung von damals toppen – und zugleich etwas völlig anderes machen.

Byrne sitzt allein an einem Seminartisch, ein Plastik-Hirn in Händen. Grauer Anzug, weißes Haar, barfuß, schlichtes Licht auf der leeren, quadratischen Bühne. Als hätten Samuel Beckett und Michael Ende gemeinsam Hamlet inszeniert. Byrne singt „Here“ von der aktuellen Platte „Amerikaner Utopia“, dem ersten reinen Soloalbum seit 14 Jahren. Byrne erklärt Hirnregionen: wo das Chaos sitzt, das Verstehen-Wollen und das, was trotz allem keinen Sinn ergibt.

Dann kommen – der Dramaturgie von „Stop Making Sense“ vergleichbar – immer mehr Leute auf die Bühne. Sie tragen Gitarren, Bass, diverses Schlagwerk, sogar Keyboards umgehängt. Auch sie in grauen Anzügen, auch sie ohne Schuhe. Zum dritten Song, dem Talking-Heads-Klassiker „I Zimbra“, werden es elf Musikerinnen und Musiker sein. Eine mobile Tanz-Band, immer in Bewegung, Untergruppen bildend, Geo­metrien, lebende Bilder. Entfesselt und doch aufeinander bezogen wie bei einer sehr guten Party.

Byrne selbst bildet nur einen Teil dieses Organismus: tanzend, laufend, spielend, singend. Ein Spot verfolgt ihn durch die Show, kaum heller als die anderen. Sonst würde man ihn im Gewusel glatt verlieren. In diesen von der Choreografien Annie-B Parson inszenierte Raum stellt Byrne einen Großteil von „American Utopia“ neben die perkussiven Stücke der Talking Heads: „Once in a Lifetime“, „Born Under Punches (The Heat Goes On)“ „Blind“ oder „The Great Curve“. Das wirkt weder wie ein bierernstes Vorstellen des neuesten Werks noch wie das Abfeiern alter Zeiten. Energie und Geschlossenheit der Show verschmelzen Vergangenheit mit Gegenwart.