Kultur

Ein bisschen Tanz muss sein

Volksbühnen-Interimsintendant Klaus Dörr stellt die kommende Spielzeit vor

Wie rettet man ein Theater? Mit Pragmatismus und Vitamin B. Weil der erfolglose Intendant Chris Dercon im April überstürzt die Volksbühne verließ, hatte sein frisch berufener Geschäftsführer und plötzlicher Nachfolger Klaus Dörr kaum Zeit, eine echte eigene Spielzeit auf die Beine zu stellen. Deshalb präsentiert sich die erste Hälfte der Saison 2018/19 nun als kurioser Mix aus Dercon’schen Tanz- und Crossover-Projekten sowie Gastspielen und Übernahmen, die der gut vernetzte Dörr organisiert hat. Der Spielplan ist eine Mischung aus alten und neuen Verabredungen.

Die wichtigsten Positionen hatte er schon in einem Interview ausgeplaudert: Aus seiner bisherigen Wirkungsstätte Stuttgart übernimmt er Kay Voges’ „Das 1. Evangelium“, was ebenso spannend zu werden verspricht wie Hermann Schmidt-Rahmers „Volksverräter!!“ aus Bochum – beide waren auf der Shortlist zum diesjährigen Theatertreffen. Als Gastspiele kommen Heiner Müllers „Der Auftrag“ von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner – für Kuttner eine Art Heimspiel – und Karin Beiers Edgar-Selge-Solo „Unterwerfung“ aus Hamburg, das erst neulich in einer Fernsehfassung heiß diskutiert wurde. Noch ein Heimspiel: Leander Haußmann inszeniert mit vielen ehemaligen BE-Schauspielern „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ – eine Uraufführung! Alles Abende, bei denen die Bude bestimmt voll wird.

Was dringend nötig ist, spielte die Volksbühne zuletzt oft vor nahezu leerem Haus. Ein Wagnis ist deshalb, weiterhin auf Regisseurin Susanne Kennedy zu setzen. Allerdings eines, das sich lohnen dürfte, schließlich gehört sie zu den spannendsten Regisseurinnen der Gegenwart. Ihre Uraufführung „Coming Society“ wird durch die Wiederaufnahme ihrer Inszenierungen „Die Selbstmord-Schwestern“ und „Women in Trouble“ flankiert. Sie haben unbedingt eine zweite Chance und mehr Publikum verdient.

Doch zunächst beginnt die neue Spielzeit, wie die alte geendet hat – mit Tanz. Nach zwei Gastspielen bei Tanz im August folgt eine echte Uraufführung: Anne Teresa De Keersmaeker zeigt mit ihrer Truppe Rosas „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“. Danach ist aber schon wieder Schluss, sieht man mal von den Wiederaufnahmen der zwei wirklich guten Abende „The Show must go on“ und „enfant“ ab. Berlin wartet weiterhin auf ein echtes Tanzhaus. Und darauf, ob es Dörr gelingt, mit einem Repertoire auch ein neues Ensemble aufzubauen.