Ausstellung

Das Spiel mit den Emotionen

Vom Porträt zur Abstraktion: Die Berlinische Galerie zeigt die erste Einzelschau von Loredana Nemes. Ein Besuch.

Nicht einsehbar: Loredana Nemes fotografierte türkische und arabische Cafés in Kreuzberg und Wedding – nach 22 Uhr und von außen

Nicht einsehbar: Loredana Nemes fotografierte türkische und arabische Cafés in Kreuzberg und Wedding – nach 22 Uhr und von außen

Foto: Loredana Nemes / BM

Loredana Nemes, die Berliner Fotografin, denkt vom Menschen her, selbst dann, wenn sie jenseits ihrer wunderbaren Porträts abstrakt arbeitet. „Ich bin an der Begegnung interessiert, an Leuten, die mich anziehen“, erzählt sie. Und wo könnte sie da besser fotografieren als auf der Straße, wo sie unmittelbar Kontakte knüpfen kann. Zum Menschlichen gehört bei ihr immer auch die seelische Verfasstheit, all die Emotionen, die Angst ist auch darunter.

Wie diese aussieht, hat sie in ihrer neuesten Farbserie „23197“ visualisiert, eine von sechs Serien, die sie in der Berlinischen Galerie zeigt. Verschwommene Farbfelder sind dort zu sehen, Rot-Orange, Blau, Gelb, Konturen eines Lkw, an den Seiten zwei Lichtquellen, Scheinwerfer. Für Nemes, Jahrgang 1972, ist genau das der Moment der Angst, wo so ein Lastwagen auf einen zurast. Jener Moment, wo alles vor den Augen verwischt, die Welt drumherum nicht mehr wahrnehmbar ist. Seit dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz spürt sie diese Gefährdung. Die Unschärfe der Bilder nutzt sie als Mittel dieser Übersetzung von Emotion in Fotografie. Von Weitem erinnern die Fotos an die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko. Nicht ohne Hintersinn, stets lotet Nemes, die seit 2001 in Berlin lebt, Grenzen und Möglichkeiten der Fotografie aus. Nemes arbeitet in gewisser Weise im Umkehrverhältnis zu Gerhard Richter, dieser malt präzise Bilder, die aussehen wie abstrakte Fotografien. „Gier Angst Liebe“ heißt diese erste Einzelschau: ein starker Auftritt, der den Weg vom Porträt zur Abstraktion zeigt.

In der Haupthalle hängt ihre ebenfalls neue, bislang unveröffentlichte Serie „Gier“, die sich wie eine weiche Partitur herrlich locker an der Wand ausbreitet. Die Berlinerin hat eine Anzahl von Möwen exakt in jenem Moment fotografiert, wo sie sich allesamt auf Brotkrumen im Wasser stürzen. Ihre Körper verkanten sich, Flügel schlagen: eine ungewöhnliche Dramatik in Weiß. Die verstärkt wird durch das pechschwarze Wasser drumherum, das sich materialisiert. Teer, Stahl, Metall? Verblüffend, welche Effekte Nemes der Fotografie entlocken kann.

1986 floh Loredana Nemes mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland, vielleicht ist es so, dass dieses Gefühl einer gewissen Heimatlosigkeit, einer unterschwelligen Melancholie ihre Bilder grundiert. Am bekanntesten und politisch dazu ist ihre Schwarz-Weiß-Serie „beyond“ (2008–2010), die auch in der Berlinischen Galerie ihren Auftritt hat. Sie könnte kaum aktueller sein. Sie fotografierte türkische und arabische Cafés in Kreuzberg und im Wedding – ausschließlich nach 22 Uhr bei Licht und von außen. Diese Orte sind in der Regel Männerrefugien, meist bleibt durch Folien, Gardinen und Pflanzen der Blick nach innen versperrt. Männer spielen dort Karten, trinken Tee, doch was genau sie tun, ist nur schemenhaft wahrnehmbar. „Diese Abschottung, ja Verhüllung fördert die Unsicherheit jener, die draußen stehen“, meint die Wahlberlinerin. Ihre Großbildkamera mit dem schwarzen Tuch, so erzählt sie, hätte Aufmerksamkeit bei den Männern erzeugt, gleichzeitig konnte sie damit Abstand halten. Die Männer im Café informierte sie von ihrem Projekt. Am Ende waren sie erschrocken, wie unheimlich und anonym die Verhüllung ihrer Gesichter durch die Gardinen wirkte. Es gibt eben immer zwei Blickrichtungen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128. Mi.–Mo. 10–18 Uhr. Bis 15. Oktober. Katalog: 24,80 Euro

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