Kultur

„Ganz hübsch, nicht wahr?“

Das letzte von 1105 Konzerten: Die Philharmoniker bereiten Sir Simon Rattle einen humorvollen Abschied

Simon Rattle hat gerade vor den rund 20.000 Besuchern des Saison-Abschlusskonzerts in der Waldbühne eine Ansprache gehalten und dreht sich zu den Berliner Philharmonikern um, um Edward Elgars „Pomp and Circumstances“ und den Eingangsmarsch zu „Monty Python’s Flying Circus“ zu dirigieren, da hält er inne. Die Blechbläserriege hat sich weiße Lockenperücken aufgesetzt. So gut wie ihrem scheidenden Chef steht ihnen die Frisur nicht – aber der überraschte Rattle dreht sich zum glucksenden Publikum um: „Ganz hübsch, nicht wahr?“

Anfangs ist die Stimmung noch regnerisch-gedämpft

Ja, sie lieben ihn, die Philharmoniker, wiewohl die Ehe nun in bestem gegenseitigen Einvernehmen nach 16 Jahren geschieden wird. Selbstverständlich ist das nicht. Man braucht nur an den verbitterten Rücktritt des alten Herbert Karajan kurz vor seinem Tod zu denken. Sie waren beide Diven – der Maestro und das Orchester. Über den Chefdirigenten Simon Rattle lässt sich auch viel erzählen – eine Diva war er jedoch nie. Und die auch mal fetzigen Waldbühnenkonzerte sind für Rattle Gelegenheit gewesen, das Berliner Klassikpublikum zu mobilisieren.

Nach einem heftigen Regenguss kurz vor Konzertbeginn ist die Stimmung zu Beginn eher gedämpft. Das Wetter vergessen macht zunächst George Gershwins mal spritzige, mal perlende Cuban Ouverture aus dem Jahr 1932. Die Philharmoniker-Trompeter dürfen gleich mal zwei entscheidende Komponenten ihres ganzen Potenzials zeigen: großen, schmetternden Ton wie präzise rhythmische Schärfe. Die Schlagwerker folgen Simon Rattle in alle Verästelungen von Gershwins raffiniert verschlungenen rhythmischen Wegen.

Gabriel Faurés Pavane op. 50 dann entpuppt sich als heimliches Evergreen, namentlich die sensibel und selbst vor großer Kulisse höchst verhalten gespielten Streicherpassagen und die wunderschöne Flötenmelodie erinnern daran, dass die Philharmoniker der Rattle-Ära in der Waldbühne oft ganz alte Schätze aus populären Vorkriegsprogrammen gehoben haben.

Dem entgegen wirkt auch die Darbietung der „Gesänge aus der Auver­gne“ des Komponisten Joseph Canteloube durch die Rattle-Ehefrau und Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Etwas nervös noch geht die Sängerin in das erste, tänzerische Lied, entfaltet aber in den folgenden, im ganzen Orchester aufrauschenden Gesängen ohne erkennbare Mühe und mit großer innerer Ruhe einen voll flutenden Mezzosopran. In einem traurigen Zwischenspiel verschlingen sich Solo-Oboe und Englisch-Horn, der Ausdrucksambitus dieser berührenden Volkslieddichtungen aus dem ländlichen Frankreich reicht von herbster Melancholie bis zu Komödiantik und Groteske. Von Canteloube möchte man nach diesem Abend mehr hören.

Das alljährliche und doch immer wieder einmalige Erlebnis, wie das Philharmoniker-Publikum bei einbrechender Dämmerung und eigentlich bei jedem Wetter im zweiten Teil des Konzerts konzentriert zusammenrückt, dieses Erlebnis stellt sich in dem Adagio aus dem Ballett „Gayaneh“ des stalintreuen armenischen Sowjetkomponisten Aram Charschaturjan ein – da hat man den unvermeidlichen und auch gewohnt schneidig dargebotenen Säbeltanz bereits hinter sich.

Eigentlich wären bereits die „Pinien des Gianicolo“ aus Ottorino Respighis am Ende des offiziellen Programms komplett gespielten „Pini di Roma“ für das Publikum ein Grund, die Wunderkerzen anzuzünden. Doch irgendwie ist die Ehrfurcht vor dem berückenden und doch geistig fordernden Programm des Abends – Rattle ist in seiner Stückwahl in der Waldbühne immer treffend populär gewesen, aber nie populistisch – noch zu groß.

In der ersten exquisiten Zugabe dann sieht man, und das ist sehr passend, einige schüchtern glimmende Lichter in den Rängen. Sir Simon setzt sich unangekündigt ans Cembalo und begleitet zu einer ornamentreichen Solovioline seine Gattin in der stimmungsvollen Monteverdi-Arie „Si dolce formenti“. Dann bringt, wie könnte es anders sein, der überzeugte Europäer Rattle seinem geliebten, aber auch politisch fremd gewordenen Heimatland Großbritannien mit „Pomp and Circumstances“ einen Berliner Tribut dar – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der ironische Pathetiker Elgar in den Zeiten des Brexit vermutlich noch etwas ironischer klingt.

Am Podium weht ein Transparent: „Danke, Sir Simon!“ Schließlich hat Simon Rattle mit diesem letzten Waldbühnenkonzert als Chefdirigent der Philharmoniker 1105 Konzerte geleitet. Ganz hübsch, nicht wahr?

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.