Kultur

Der neue Dirigent hat sich in die Bläser verliebt

Christoph Eschenbachs Auftakt beim Konzerthausorchester

Musik machen – das muss ein Jungbrunnen sein. Wer daran bisher noch Zweifel hatte, muss sich den Dirigenten Christoph Eschenbach bei seinem Antrittskonzert als Chef des Konzerthausorchesters anschauen. 78 Jahre alt ist der jüngst beim Washington National Symphony Orchestra Verabschiedete mittlerweile – und vermutlich wusste Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann, wie sportiv dieser Künstler in Körper und Kopf immer noch ist, als er ihn Ende vergangenen Jahres als Nachfolger für den scheidenden Chefdirigenten des Konzerthauses, Iván Fischer, verpflichtete. Nein, der höchst erfahrene Norddeutsche wird kein „Zwischenpapst“ sein, das ist spätestens bei diesem ersten offiziellen Konzert Eschenbachs als künftigem Chef absolut sicher.

Die Konzertouvertüre „Karneval“ von Antonín Dvořák ist zwar effektvoll, aber in keinem Fall eine „sichere Nummer“ für einen solchen Einstieg. Zwischen den süffigen Kantilenen stehen fitzelige Streicherpassagen mit vielen kleinen Noten, die man auch alle durchaus hört. Gut geprobt ist das und dazu noch mit dem Mut zum notwendigen Schwung dargeboten. Dieses Dirigat ist kein Alterswerk, wo einer nur noch die große Linie vorgibt, sondern verrät immer noch die besessene Arbeit am musikalischen Detail.

Lustig ist dann zu sehen und zu hören, wie engagiert sich der Altmeister auf die Zusammenarbeit mit dem schrägen „Artist in Residence“ des Konzerthauses, dem jungen Organisten Cameron Carpenter einlässt. Nun, man muss wissen, dass Eschenbach auch schon in früheren Jahrzehnten in Randbereichen des Klassikbusiness unterwegs war – etwa als er mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt eine Platte aufnahm oder als er einen Klavier spielenden Bundesverkehrsminister mit Orchester begleitete. Da ist es eine von Eschenbachs leichtesten Übungen, für Camerons knallbuntes Orgel-Orchester-Arrangement von Sergej Rachmaninows Rhapsodie opus 43 mit dem Konzerthausorchester in Aktion zu treten. Der Dark-Metal-mäßig gekleidete Carpenter sitzt am vorderen Rand des Podiums an seinem Raumschiff-Cockpit von einer Poporgel, die an eine Anordnung von weißen Riesenlautsprechern im Hintergrund angeschlossen ist und so ein klangliches Inferno entfacht. Carpenter ist eher für seinen unbekümmerten effektvollen Zugriff auf bestehende Musik als für seine stupende Liebe zum Detail bekannt. Egal – Hauptsache die Klamotten passen zu Rachmaninows düsteren Dies-Irae-Zitaten. Das ist Pop pur.

Die Präzision wiederum, mit welcher Christoph Eschenbach diese schrille Kombination dirigierend koordiniert, ist kaum hoch genug zu würdigen. In Dvořáks populärer Achter Sinfonie nach der Pause zeigt sich nicht zuletzt, wie sehr sich der Dirigent in die Bläser des Konzerthausorchesters verliebt hat. Mit hoher Präsenz darf Solo-Trompeter Sören Linke seine Signale ausspielen, Flöten und Oboen entwickeln einen goldenen Klang.

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