Kultur

Vom Text bleiben nur gestöhnte Wortfetzen übrig

Ein Aufreger zum Abschluss der Autorentheatertage

Ein Regisseur hat sich nicht an die Textvorlage gehalten! Das kommt vor. Zumal bei Sebastian Hartmann. Ihm ist der Text oft nur Rohmaterial, das er einfach zerstückelt und umsortiert. Was war passiert, dass diese Arbeitsweise jetzt zum Abschluss der Autorentheatertage die Gemüter erhitzte? So sehr, dass das Deutsche Theater vor Ort den Originaltext von „In Stanniolpapier“ verteilte, und dass eine Jury sich ausdrücklich von der Bühnenfassung distanzierte und hinter den Autor Björn SC Deigner stellte?

Die erwähnte Jury hatte aus 143 eingesendeten Stücktexten drei ausgewählt, die zur „Langen Nacht der Autorinnen“ hintereinander und erstmals zur Aufführung kommen sollten. In diesem Jahr waren das die Texte „Europa flieht nach Europa“ von Miroslava Svolikova, „Eine Version der Geschichte“ von Simone Kucher und „In Stanniolpapier“. Jede dieser Erstinszenierungen geht danach ins Repertoire der jeweils koproduzierenden Theater. Eine geht nach Zürich, eine nach Wien und am Deutschen Theater in Berlin bleibt „In Stanniolpapier“.

Es geht darin um Maria, die auf ihr Leben als Prostituierte blickt. Es geht um Missbrauch, zerrüttete Familienverhältnisse, Kränkung, Gewalt. Der Text beruht auf Dokumenten einer wahren Biografie. Besonders ist daran, dass diese Frau sich nicht zuvörderst als Opfer darstellt, dass sie mit lakonischer Distanz auf ihr Leben blickt. Sebastian Hartmann scheint pure Verdrängung dahinter zu vermuten und schürft tief im vermeintlichen Unbewussten der Figur. Dabei entsteht ein komplett anderer Tonfall. Maria (Linda Pöppel) und die Männer verbannt er in einen Sexhöllenkubus. Es bleiben vom Text nur einzelne, gestöhnte Wortfetzen übrig, eine Kamera überträgt ununterbrochen von drinnen auf die Leinwand nach draußen: Schweiß, Sex, Tränen, nackte Körper, Gewalt. Anderthalb Stunden lang, dazu rhythmisches Elektro-Gewummer. Das ist bildmächtig, aber oft auch schwer zu ertragen in seiner fast pornografischen Explizitheit, mehrere Zuschauer verließen vorzeitig den Saal.

Verlag, Autor und Regie haben
sich darauf verständigt, dass dies keine „Uraufführung“ sei. Dass das Deutsche Theater ausgerechnet Sebastian Hartmann mit der Inszenierung dieses
Textes beauftragt hat, war keine besonders gute Idee, obwohl es die mit Abstand eindrücklichste an diesem Dreierpackabend war. Aber im Rahmen eines Autoren-Festivals, das ja gerade den Text ins Zentrum stellt, wirkt ein so massiv umdeutendes Regie-Solo, das den Ausgangstext völlig überlagert, unangebracht.