Opern-Kritik

Alltagsrituale einer Kleinbürgerwelt auf der Bühne

Yasutaki Inamoris „Wir aus Glas“ an der Deutschen Oper

Das öffentliche Zur-Schau-Stellen des Alltagslebens ist spätestens seit der TV-Show „Big Brother“ ein gesellschaftliches Thema. Um diesen voyeuristischen Blick auf den „gläsernen Menschen“ dreht sich auch das Musiktheaterwerk des japanischen Komponisten Yasutaki Inamori „Wir aus Glas“, ein Kompositions- und Librettoauftrag der Stadt München zur diesjährigen Münchener Biennale. Regie führte David Hermann, der an der Deutschen Oper bereits Helmut Lachenmanns Avantgarde-Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ inszenierte, das Libretto stammt von der österreichischen Schriftstellerin Gerhild Steinbuch.

„Wir aus Glas“ gibt Einblick in eine Wohnung, in der fünf Menschen neben- und miteinander leben. Jo Schramm hat hierfür ein exzellentes Bühnenbild entwickelt: ein Bäumchen, eine Küchenzeile, ein Tisch mit Sitzbänken, ein Bett, ein Bad. Fertig ist die Wohnoase der Kleinbürger. Hier fühlen sie sich geborgen und sicher, pflegen sie ihre Alltagsrituale. Die Außenwelt kennen sie nur noch vom Hörensagen, vor dieser haben sie Angst.

Es ist die Angst vor dem Unbekanntem, dem Fremden, eine Thematik, die in Zeiten von Flüchtlingskrise und nationalem Protektionismus hochaktuell ist. Das Publikum wird hier zum Betrachter einer Lebensweise, wie sie banaler und spießiger nicht sein könnte. Dabei werden die beiden einander gegenüber gestellten Zuschauertribünen ständig verschoben, sodass die Zuschauer mal näher an den einen oder den anderen Raum gerückt werden.

Man sieht den Bewohnern beim Löffeln des Frühstücksjoghurts zu, bei der Morgenhygiene, bei der Arbeit, der Freizeit und beim Schlafen. All diesen Alltagsroutinen hat Yasutaki Inamori einen Klangschatten verpasst, der in seiner ironisch-plumpen Überzeichnung bisweilen an das Vertonen von Zeichentrickfilmen erinnert. Da bohrt der traurige Mann, von Clemens Bieber als eine Art Ekel-Alfred light gespielt, in der Nase, und das Wegschnippen des Erpopelten untermalt das Cello mit einem Glissando. Und wenn sich ein Pärchen küsst, dann schmatzt der Trompeter lustvoll in sein Instrument. Dabei werden die Musiker des Opera Lab Berlin nicht versteckt, sondern sind auch als Darsteller auf der Bühne präsent, wurden von Kostümbildnerin You-Jin Seo mit Outfits wie lila Badekappe kostümiert.

Musikalisch bedient sich Komponist Inamori der verschiedensten Stile. Er kombiniert romantische Cello-Kantilenen mit geräuschhaften Klängen von Fagott und Trompete und persifliert barocke Klischees. Doch immer wieder verfallen die Musiker in monoton repetierte Motive, die musikalisch die immer gleichen sich wiederholenden Alltagshandlungen spiegeln.

Deutsche Oper (Tischlerei), Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343.
Termine: 21., 22., 23. und 24. Juni

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