Kultur

Gegen den Strich

Zeichnungen von Ernst Wilhelm Nay und farbig eingefasste Skulpturen von Norbert Kricke in der Galerie Aurel Scheibler

Wenn man einen deutschen Künstler der Nachkriegszeit mit explodierenden Farbkonzerten in abstrakten Kompositionen in Verbindung bringt, dann ist es Ernst Wilhelm Nay (1902–1968). Man denke nur an seine Scheibenbilder mit sich überlagernden Kreisformen in expressivem Blau, Rot, Orange, Gelb und Grün, die Nay in immer neuen Variationen stets aufs Neue arrangiert hat. Und bei Norbert Kricke (1922–1964) hat man vor allem seine filigranen Edelstahlskulpturen im Sinn, die sich mit der Linie in den Raum hineinarbeiten.

Eine Ausstellung, die beide Künstler präsentiert und dann auch noch „Linie und Farbe“ heißt wie in der Galerie Aurel Scheibler am Schöneberger Ufer, bedient also ganz klare Erwartungen: Zu sehen bekommt man da sicher beeindruckende bunte Gemälde von Nay und zarte Linienskulpturen von Kricke. Doch da hat man die Rechnung ohne die Galerie gemacht. Die nämlich bürstet ihre Ausstellung kräftig gegen den Strich und verbindet eher Nay mit der Linie und Kricke mit der Farbe.

Bei Nay kann das nur gelingen, indem man auf Gemälde verzichtet. Deshalb werden bei Scheibler ausschließlich Zeichnungen gezeigt. Frühe Blätter aus den 50er-Jahren veranschaulichen Nays Beeinflussung durch die Musik. In zackigen Linien mit abruptem Richtungswechsel und Akzentsetzungen durch kleinere Tuscheflecke entstehen gestische Notationen, die mitunter an Werke von Wassily Kandinsky erinnern. Runde Linien, die sich spiralförmig verengen, findet man dann in den Zeichnungen Anfang der 60er-Jahre. Hier offenbart sich die schwebende Komposition der Scheibenbilder – ohne Farbe fast noch deutlicher zu erkennen als in den Gemälden.

Spätere Filzstiftzeichnungen zwischen 1966 und 1968, die nicht signiert sind und tatsächlich nicht als eigene Werke, sondern Formexperimente zu verstehen sind, geben Einblick in Nays Arbeitsprozesse: Immer wieder spielt er mit Formenkonstellationen, stellt weiche Linien zackigen gegenüber und jongliert mit harten Kontrasten. Oft finden sich Notizen mit Farbvermerken auf den Blättern, die mögliche Kolorierungen schon andenken. Farbe war bei Nay nicht an Gefühlswerte gebunden, mit ihr wollte er die Dynamik der Linie, die Komposition verstärken.

Da ist er Norbert Kricke, dem er nie persönlich begegnet ist, ganz nah. Die Farbe ist bei ihm auch nicht etwa Dekor oder emotionales Beiwerk, sie dient zur Akzentuierung der Bewegung von Linien im Raum. Weiß und Chromgelb geben nach seiner Beobachtungen einer Linienbewegung mehr Tempo, Farben der Ruhe und Schwere wie Braun, Schwarz, Englisch-Rot und Grau hingegen bremsen die Dynamik. Bei Aurel Scheibler sind unterschiedliche farbig eingefasste Skulpturen von Kricke aus den 50er-80er-Jahren zu sehen. An ihnen lässt sich die unterschiedliche Wirkung der Farbe studieren.

Aurel Scheibler. Schöneberger Ufer 71, Mitte. Bis 7. Juli, Di-Sa 11-18 Uhr.