Kultur

Europas Mächtige treffen sich im Sanatorium

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Volker Blech

Bejubelte Premiere von Rossinis „Il viaggio a Reims“ in der Deutschen Oper. Ein Dutzend Sängersolisten sorgt für beste Belcanto-Laune

Eine Gesellschaft ist im Badehotel „Zur goldenen Lilie“ abgestiegen. Aristokraten verschiedener Länder sind auf dem Weg zu den Krönungsfeierlichkeiten Karls X., aber es sind keine Pferde für die Weiterreise verfügbar. Man hängt fest. In der Deutschen Oper hat Regisseur Jan Bosse die Handlung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ (Die Reise nach Reims) in ein modernes Sanatorium mit Spiegelwänden und Krankenbetten verlegt, wo Europas Mächtige ihre Eitelkeiten, Liebeleien und Rituale austragen. Irgendwann ziehen alle ihre Unterhöschen mit den Nationalfarben aus und eine einheitliche blaue Europa-Buxe an. Und um ein Stück des Schlussbildes preiszugeben: In die geschlossene Anstalt kommt keiner mehr rein noch raus, aber man feiert sich selbst. Das Publikum bejubelt das Opernspektakel.

Die Krönungsoper von 1825 hat eine seltsame Geschichte hinter sich. Nach wenigen erfolgreichen Vorstellungen zog Rossini das Stück wieder zurück. Es galt lange als verschollen. Stardirigent Claudio Abbado brachte es 1984 beim Rossini Opera Festival Pesaro in den Musikbetrieb zurück. Seither wird die Opera buffa häufig aufgeführt, so auch 2007 bei den Krönungsfeierlichkeiten von Fürst Albert II. von Monaco.

Die Oper tut niemandem weh, macht aber Spaß. Das geschieht jenseits der Regie, denn selten erlebt man eine Musik, die sich derart an sich selbst berauschen kann. Und die Sänger antreibt. Genau genommen ist der im Orchestergraben kaum sichtbare Dirigent Giacomo Sagripanti der Spielmacher. Das Orchester der Deutschen Oper folgt ihm mit Leichtigkeit, Anmut und Witz. Sagri­panti und seine Musiker legen den Sängern stilvoll einen Klangteppich aus. Auf der Bühne findet eine Art Belcanto-Gala statt, deren Reiz es immer ist, viele verschiedene Charaktere im Schöngesang nacheinander oder im Ensemble miteinander zu erleben. Die Deutsche Oper setzt – wie man gern sagt – bei ihrem Dutzend Sängersolisten vor allem auf unverbrauchte junge Stimmen. Sie gehen auf Entdeckungstour ins Reich der Koloraturen, was vielen im Publikum Vergnügen bereitet. Immer wieder werden Sänger auf offener Bühne bejubelt, am Ende sowieso.

Ein Klagelied über den Verlust der neuesten Kleider

Hulkar Sabirova weiß als gastgebende Oberärztin Cortese in weißem Lack mit beweglichem Sopran und Hüftschwung für sich einzunehmen. Siobhan Stagg verkörpert die junge Witwe und modenärrische Contessa di Folleville. Nach ihrer Ohmacht besingt sie kapriziös klagend den Verlust ihrer neuesten Kleider. Sie wurden Opfer eines Kutschenunfalls. Die begehrte polnische Edelfrau Marchesa Melibea mit rosa Täschchen wird von Vasilisa Berzhanskaya gespielt. Ihr eindringlicher, anfänglich etwas sprunghafter Alt ist die vom Timbre her interessanteste Stimme des Abends. Die anmutige Elena Tsallagova ist als römische Dichterin Corinna für die lyrische Schönheit zuständig.

Krankhaft schüchtern präsentiert sich Bassist Mikheil Kiria als Lord Sidney, seine Liebeserklärung an Corinna wird von Flötistin Anna Garzuly-Wahlgren auf der Bühne bezaubernd unterstützt. Ein tenoraler Strahlemann ist der französische Cavaliere Belfiore von Gideon Poppe. Der deutsche Baron (Philipp Jekal) hält eine Überraschung bereit. Er singt bei Rossinis Festbankett der Nationen bereits 1825 die Kaiserhymne von Joseph Haydn – die Melodie unserer heutigen Nationalhymne. Es ist ein bemerkenswerter Zufall, das Staunen ist im Publikum zu hören.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35,
Charlottenburg. Tel. 34 38 43 43
Termine: 22., 24., 30. Juni und 5. Juli