Staatsoper

Ganz große Oper auf dem Bebelplatz

Rund 40.000 kommen zum Open-Air-Konzert auf dem Bebelplatz. Daniel Barenboim und die Staatskapelle wagen ein anspruchsvolles Programm.

Staatsoper für alle mit Daniel Barenboim in Berlin am 16.06.2018

Staatsoper für alle mit Daniel Barenboim in Berlin am 16.06.2018

Foto: Maurizio Gambarini

„Es ist schön, dass ihr alle da seid. Aber ihr müsst ruhig sein!“ Daniel Barenboim hat das Fagott-Solo zu Beginn der zweiten Hälfte von „Staatsoper für alle“ auf dem sonnigen Bebelplatz zunächst abgebrochen.

Eigentlich gibt es bei den rund 40.000 Besuchern, die es am Ende sein werden, kaum Disziplin- und Konzen­trationsprobleme. Entsprechende Erfahrungen aus den letzten Jahren haben den Generalmusikdirektor der Staatsoper dazu bewogen, in diesem Jahr ein wirklich anspruchsvolles, von subtilen musikalischen Feinheiten geprägtes Programm zu präsentieren.

Das Fagott-Solo etwa gehört zu Igor Strawinskys Ballettmusik zu „Le sacre du printemps“, die so legendär wie radikal modern und unwirsch ist. Trotz Freiluft keine sahnigen Melodien, kein Walzertakt. Das monotone Stampfen der erwachenden Natur, die hormonell verstärkten Instinkte urzeitlicher russischer Steppenbewohner in ihrer musikalischen Umsetzung, die 1913 für Krieg im Konzertsaal sorgten, verfehlen auch auf dem Bebelplatz ihre Wirkung nicht.

Das Publikum ist gebannt – und doch ist diese Musik im Freiluftkonzert weiterhin höchst zerbrechlich und anfällig für Störungen. Es geht Barenboim um die Musik und dass das Publikum möglichst viel davon mitbekommt – denn dazu und nicht der guten Stimmung wegen, so der felsenfeste Glaube und Anspruch des 75-Jährigen, sind die Berliner Fans heute hier zusammen­gekommen.

Allerdings wird derjenige enttäuscht sein, der vor Ort die herkömmliche andächtige Konzertsituation erwartet. Bei idealem Wetter – nicht zu viel sengende Sonne zur Mittagszeit und ein bisschen Wind – ist dies ein Konzert für alle, umsonst und draußen. Das heißt: Wer hier im öffentlichen Raum von Berlins historischer Mitte irgendwelche Besitzansprüche erhebt, und sei es nur auf die gleichbleibende Sauberkeit seiner Picknickdecke auf dem Asphalt für anderthalb Stunden, der ist im Unrecht.

Schaulustige auf den Balkonen der Humboldt-Universität

Solche Ansprüche erzeugen Stress. Eine junge Mutter mit schlafendem Kind im Kinderwagen wird angeherrscht, als sie versucht, über die Picknickdecken hinweg – die übrigens die Fluchtwege versperren – zu ihrer wartenden Familie in der Nähe des Orchesterpodests vorzudringen. Sie versucht noch vergeblich, in riesigem Karree um den Platz zu eilen, um den Klassik-Kampfplatz von der Seite der Sankt-Hedwigs-Kathedrale aus zu erreichen, gibt dann aber mit vielen weiteren Ankömmlingen entnervt auf. Muss das sein? Nein, liebe Klassikfreunde – beim berühmtesten und kulturell höchststehenden Klassik-Open-Air der Hauptstadt gilt es, die eigene Schrebergartenmentalität für zwei Stunden zurückzustellen. Weg mit dem „Es gibt etwas gratis, also gehört es mir“!

Denn eigentlich ist das alles minutiös als demokratisches Kunsterlebnis ohne Klassen- und Geldschranken geplant und wird auch optimal durchgeführt. Selbst der stets etwas kunstfern und brachial auftretende Sponsor hält sich in diesem Jahr relativ vornehm zurück.

Auf zwei Leinwänden können selbst die Schaulustigen auf den Balkonen der Humboldt-Universität nachvollziehen, wie hervorragend die musikalische Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester mal wieder funktioniert. Die Bildregie ist genau nach Partitur vorbereitet, sodass die Orchestersolisten oft genau bei ihrem Einsatz auf die Leinwand kommen – ohne dass solche Bild-Ton-Analogien aufdringlich wirken. Kein Personenkult. Aber die maximale Auslotung des Staatsoper-für-alle-Events als zwischenmenschliches Miteinander.

Man könnte eine Stecknadel fallen lassen

Und natürlich darf der Solo-Fagottist der Staatskapelle sein berühmtes „Sacre“-Solo gleich noch einmal beginnen. Auf dem Bebelplatz könnte man nun eine Stecknadel fallen lassen – es ist eine entspannte Art von Zuhören, welche auch nicht durch zuweilen Bier holende Klassikfreunde gestört wird.

Weiter hinten ist die Atmosphäre sowieso entspannter, weil die Angst, etwas zu verpassen – was durch die Leinwände ohnehin nicht passiert – geringer ist. Die Besucher setzen sich zur Programmlektüre in den Schneidersitz auf das Bebelpflaster oder nutzen die Klapphocker der Staatsoper.

Man merkt, wie stark sich die krachenden Rhythmen von Strawinskys „Sacre“ im rumorenden touristischen Mitte-Alltag behaupten können, wenn man zuvor die Staatskapelle mit Claude Debussys Farbenspiel „Ibéria“ aus den „Images pour orchestre“ gehört hat. Es ist im 100. Todesjahr von Debussy eines von Barenboims Paradestücken, und doch gehört für den Dirigenten einiger Mut dazu, es nun durch Riesenlautsprecher aufs Pflaster der 40.000 Besucher schallen zu lassen. Doch auch hier: hohe Konzentration auf dem Platz. Selbst noch wenn Sonnabendmittag um halb eins „Les parfums de la nuit“, die Düfte der Nacht mit feinstens austarierten Holzbläsern imaginiert werden, meint man nicht mehr nur die Dünste aus den Berliner Gullis zu riechen.

Es bleibt dabei: Wer sich zur schmissigen Eingangs-Ouvertüre aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ ein launig-knalliges Klassik-Open-Air versprochen hatte, wird schnell eines Besseren belehrt. Der Anspruch, den Daniel Barenboim fast schon seine ganze Berlin-Ära durch verfolgt: der Musik durch Darbietung in höchster Qualität auch die größtmögliche Verbreitung zu sichern, ist von der Staatsoper mit ihrem ersten „Klassik für alle“ seit der Wiedereröffnung des Hauses fast perfekt umgesetzt worden.

Und die Erziehung des Publikums geht weiter: am Sonntag in der Bebelplatz-Übertragung der Premiere von Giuseppe Verdis „Macbeth“ aus dem Inne­ren der Staatsoper nebenan.

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