Kultur

Theaterregisseur Jan Bosse: „Alle haben ihre Obsessionen“

Jan Bosse inszeniert eine Rossini-Oper als Satire auf Europa. Es ist der Auftakt eines Berliner Premieren-Wochenendes. Ein Interview.

Theaterregisseur Jan Bosse zeigt Rossinis „Il viaggio a Reims“ an der Deutsche Oper. Am Freitag ist Premiere

Theaterregisseur Jan Bosse zeigt Rossinis „Il viaggio a Reims“ an der Deutsche Oper. Am Freitag ist Premiere

Foto: Reto Klar

Berlin. In den drei Berliner Opernhäusern steht ein außergewöhnliches Premieren-Wochenende bevor. Theaterregisseur Jan Bosse startet in der Deutschen Oper am Freitag mit Rossinis „Il viaggio a Reims“, am Sonnabend folgt in der Komischen Oper Schostakowitschs „Die Nase“ in der Regie von Hausherr Barrie Kosky. Die Staatsoper zeigt am Sonntag Harry Kupfers Inszenierung von Verdis „Macbeth“. Das Gespräch mit dem Berliner Regisseur Jan Bosse fand am Rande der Proben statt.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich nicht unter Druck gesetzt, wenn Ihre Inszenierung in direkter Konkurrenz zu den anderen Häusern gezeigt wird?

Jan Bosse: Um ganz ehrlich zu sein: nein. Den Druck mache ich mir selber. Ich bin seit 20 Jahren im Theater unterwegs, aber es ist erst meine sechste Operninszenierung. Da fühlt man sich noch ein bisschen als Anfänger. Wenn ich auf die erste Bühnenprobe komme, ob im Burgtheater oder in der Deutschen Oper, staune ich über die vielen Zuschauerplätze. Mein täglicher Arbeitsplatz ist ein riesiger leerer Zuschauerraum. Manchmal genieße ich es, manchmal bedrückt es mich. Aber jetzt sind wir bereits bei den Bühnenorchesterproben. Meine Inszenierung ist im Prinzip fertig, der Dirigent hat den Stress. Im Theater würde jetzt normalerweise die chaotische Zeit beginnen, ich bin entspannt.

Für die beiden anderen Premieren sind Opernregisseure verantwortlich. Sind das für Sie Kollegen oder gehören die einer anderen Berufsgattung an?

Barrie Kosky kenne ich sehr gut, natürlich ist er ein Kollege. Aber ich komme schon sehr vom Theater. Ich bin der Fremdling im Opernbetrieb und genieße das. Routine hat gute, aber auch gefährliche Seiten. Oper ist für mich immer neu. Allein, wenn ich versuche, die Strukturen hinter der Bühne zu begreifen. Das Gefühl des Fremdseins wird für mich immer interessanter, je länger ich den Beruf mache. Ich habe vorletztes Jahr in Oslo einen Ibsen auf Norwegisch inszeniert. Das war eine spannende Arbeit voller Fremdheit.

Für Rossini haben Sie einen Blankoscheck, Sie können machen was sie wollen, weil eigentlich keiner die Oper kennt.

Die Idee mit Rossini zum Ende der Saison kam vom Haus. Ich durfte mir eine Oper aussuchen. Auf „Il viaggio a Reims“ kam ich nicht ganz zufällig, denn Christoph Marthaler hat es gerade in Zürich gemacht. Ich habe Ausschnitte gesehen und kapiert, was ihn daran interessiert. Zwölf europäische Aristokraten sind auf dem Weg zu einer Krönung, kommen aber aus dem Hotel nicht wieder weg. Das ist eine schöne absurde Metapher für Europa heute. Aus dieser geschlossenen Gesellschaft der Reichen und Mächtigen habe auch ich Kapital geschlagen. Sie haben alle ihre Obsessionen, da steckt viel Komik drin.

Wie viel politische Aktualität steckt in Ihrer Inszenierung?

Wir gehen damit sehr spielerisch um, das darf man nicht politisch überfrachten. Trotzdem ist es so, dass ein eifersüchtiger Russe mit einem feurigen Spanier um die elegante polnische Dame kämpft. Eine französische Diva regt sich in einer Wahnsinnsarie darüber auf, dass ihr Kostüm nicht da ist. Der Narzissmus hat für mich etwas sehr Aktuelles. Die Bühne ist bei uns ein Spiegelsaal. Aber man weiß nicht genau, ob die Leute im Hotel oder in der Betty-Ford-Klinik auf Entzug sind. Aus der Lethargie heraus kommt die ganze Überaktivität. So empfinde ich auch unsere Welt.

Was macht der Deutsche?

Er ist eine lustige und manchmal auch böse Karikatur, der immer die Einigkeit herstellen will. Er spielt sich ein bisschen als Regisseur auf und singt tatsächlich beim Ersatzfest am Ende die deutsche Nationalhymne, die es damals noch gar nicht war. Das ist eine der Überraschungen bei Rossini.

Und was ist typisch Bosse an der Inszenierung?

Ich bin ja kein Konzept-Heini, ich versuche mit dem jungen Sängerensemble eine Situation nach der anderen zu erfinden. Die Oper ist musikalisch eine Feier der sinnlosen Verzierungen. Nicht die Psychologie, sondern die Musik ergreift Besitz von diesen Menschen. Ich versuche, mit den Sängern wie mit Schauspielern die Rollen zu erarbeiten.

Theater hat oft dystopische Züge, die Oper sucht immer noch zuerst nach Utopien.

Die großen Opernwerke sind für Regisseure auch unveränderbar. Im Theater nerven die dystopischen Tendenzen ein bisschen. Ich finde es meist peinlich, wenn sich Theaterleute erheben und dem Publikum didaktisch mitteilen, wie schrecklich alles ist. Es sind fast immer die Schlüsse, gerade auch wenn man die Klassiker macht. Die schiefen Happy Ends von Molière sind leicht umzubiegen in Tristesse. Bei Rossini denke ich jetzt viel mehr über die Absurdität des Daseins nach. Das ist tragikomisch. Man rettet sich in den Witz, damit es nicht so schrecklich ist. Oder es wird dadurch umso schrecklicher. Am schlimmsten finde ich Theaterinszenierungen, in denen vorgeführt wird, dass die Menschen nur Schweine sind und der Kapitalismus fies ist. Vielleicht stimmt es, dass wir alle Monster sind, aber wir versuchen ja, es nicht zu sein. Die größten Arschlöcher halten sich für Retter der Menschheit. Putin hält sich selber doch nicht für böse. Aber wie langweilig ist es, Putin auf der Bühne als Arschloch zu zeigen. Alle
applaudieren in gemütlicher Einigkeit, wie schlimm doch Diktatur ist. Wenn man zu sehr eins ist mit der Publikumsmeinung, ist es ganz furchtbar.

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