Berliner Museen

Heinrich Zille: Mehr als der „Pinselheinrich“

Über den Zeichner, Maler und Fotograf informiert das nach ihm benannte Museum im Nikolaiviertel in Mitte. Ein Besuch.

Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann. Der Schauspieler führt durch die Schau und kümmert sich ums Amüsemang

Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann. Der Schauspieler führt durch die Schau und kümmert sich ums Amüsemang

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Mitte. Kennen Sie Heinrich Zille? Na klar. Aber wussten Sie auch, dass er Schmetterlinge sammelte? Und gar kein Berliner war? Dafür aber Pionier der fotografischen Moderne? ‚Pinselheinrich‘ mag das Berliner Urgestein schlechthin sein, trotzdem gibt es an ihm und in seiner Kunst viel zu entdecken im Zillemuseum im Nikolaiviertel.

2002 wurde es gegründet, 2017 erneuert. Mit ehrenamtlichem Engagement organisiert der Heinrich-Zille-Förderkreis e.V. den Museumsbetrieb. Dafür gebührt ihm großer Dank, denn es ist kein Ruhmesblatt für Berlin, dass Zille lange gar kein Museum gewidmet war und es jetzt auch nur aufgrund privater Initiative existieren kann. Ein Haus, das das Andenken eines der berlinischsten Künstler überhaupt und nicht zuletzt Ehrenbürgers der Stadt bewahrt, muss ohne öffentliche Förderung auskommen.Dabei ist Zilles kunsthistorische sowie seine Bedeutung als Stadtchronist unumstritten. „Der Kaiser sprach seinerzeit noch von Rinnsteinkunst“, sagt Kurator Jürgen Borgard. „Als der sogenannte Berliner Schwangerschafts- und Abortmaler auf Vorschlag seines Freundes Max Liebermann zum Professor an der Akademie der Künste ernannt wurde, kommentierte es die zeitgenössische Presse sogar noch mit dem Satz ‚verhülle, o Muse, dein Haupt‘!“

Andere aber erkannten Zilles Werk schon zu dessen Lebzeiten als herausragend. Sein Werdegang, die familiären Verhältnisse und seine steigende Popularität werden im biografischen Abschnitt der Ausstellung beleuchtet. Viele Fotos sind zu sehen und es steht auch ein Geburtstagskoffer in diesem Raum. 2018 wäre Zille 160 Jahre alt geworden und Besucher sind aufgefordert, den Koffer mit Geschenken zu füllen, mit Dingen, die Verbundenheit mit dem Künstler ausdrücken, sein Lebenswerk anschaulich machen oder einfach persönliche Geschichten wachrufen.

Ein Dokumentarfilm mit Aufnahmen aus Zilles „Milljöh“

Der biografische Kontext wird ergänzt durch einen 15-minütigen Dokumentarfilm, in dem viele Originalaufnahmen aus Zilles „Milljöh“ zu sehen sind. Der Rest der Ausstellung widmet sich dann aber Zilles Kunst, sowohl den berühmten Zeichnungen wie seinen Fotografien. Dass Zille auch fotografierte, ist zumeist weniger bekannt. Unter anderem sein Ansatz, kleine Details ins Bild zu nehmen, war seinerzeit bahnbrechend. Der gelernte Lithograf wurde auch zu einem Vorreiter der fotografischen Moderne.

Die Fotografien nehmen einen breiten Raum ein und stehen gleichwertig neben den Zeichnungen. Ob Reisigsammlerinnen, Pferdekarren oder Ausflugsszenen, die abgelichteten Szenen geben einen tiefen Einblick in das hauptstädtische Leben der Kaiserzeit. Eine Aufnahme zeigt beispielsweise leere Kindersärge, die sich in einem Schaufenster stapeln. Ein erschütterndes Bild, wenn man weiß, dass die Kombination aus elender Armut und hoher Kindersterblichkeit dem Geschäftsmodell des Sargverleihers Auftrieb gab.

Viele der Zeichnungen Zilles entstanden nach solchen fotografischen Vorlagen, was sie doppelt relevant werden lässt. So begegnet uns auch der Kindersarg in einem Aquarell von 1905 wieder. „Zur Mutter Erde“ heißt es. Ein abgerissener Arbeiter schiebt den Sarg durch eine Zille-typische Hinterhofszene, voller im Schmutz spielender Kinder, schwangerer Frauen und ärmlicher Gestalten. Dies sind die berühmten Kulissen, hier tritt uns Zille als außergewöhnlicher Chronist des gründerzeitlichen Baubooms, der Armut und der Lebenswelt der Hinterhöfe entgegen. Allein die der Berliner Schnauze abgelauschten Begleittexte sind unnachahmliche Zeitzeugnisse. Auch Ausflüge „ins Jriene“, Badeszenen und erotische Blätter zeichnete Heinrich Zille.

Auch seltene Stücke aus dem Nachlass werden bald gezeigt

Letzteres wird im „erotischen Kabinett“ angeschnitten, wo die berühmten „Hurengespräche“ Thema sind; in entsprechenden Absteigen erlauschte und abgezeichnete Szenen, die Zille 1913 unter Pseudonym im Privatdruck veröffentlichte. Wer glaubt, schon alles von Zille zu kennen, wird beim Selbsttest im Zille-Museum wahrscheinlich eines Besseren belehrt. Im Halbjahrestakt werden Fotografien und Zeichnungen ausgetauscht, selbst Wiederholungstäter entdecken so ständig Neues. Im „Spiegelkabinett“ sind außerdem regelmäßige Sonderausstellungen zu sehen. Es ist der einzige Raum, in dem noch die dunkle Wandvertäfelung aus DDR-Zeiten prangt, damals fanden hier exklusive Modenschauen statt. Mitunter sogar für Mitglieder des Politbüros.

Die ausgewogene Ausstellung ist Jürgen Borgards Werk. Das Netzwerk des Kurators ist einzigartig, sodass er an seltene Nachlassstücke und sogar die Schmetterlings- und Mineraliensammlung Zilles herankam, die in nicht allzu ferner Zukunft ausgestellt werden soll. Borgard ist Zille-Experte ersten Ranges. Selbst die Polizei konsultiert ihn, Borgard hat viele Zille-Fälschungen entlarvt.

Auch Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann ist im Museumsverein aktiv. In der benachbarten Zille-Stube und der Zille-Destille sorgt er mit Liedern und Geschichten aus dem Milljöh für „Amüsemang“, mal bei Kaffee und Kuchen, mal beim Abendprogramm.

Zillemuseum, Propststraße 11, Mitte, tägl. 11 –18 Uhr, Tel. 24 63 25 00, Eintritt 7 , erm. 5 Euro, www.zillemuseum-berlin.de und www.heinrich-zille-darsteller.de

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