Kultur

Deutsches Historisches Museum: Wie uns das Meer geprägt hat

Das Deutsche Historische Museum zeigt in der Schau „Europa und das Meer“ auch Vergessenes und Verdrängtes der maritimen Identität.

Dunkle Wolken ziehen auf: Antonie Volkmars „Abschied der Auswanderer“, 1860

Dunkle Wolken ziehen auf: Antonie Volkmars „Abschied der Auswanderer“, 1860

Foto: © Deutsches Historisches Museum, Berlin

Berlin. Als im Januar 1992 das Containerschiff „Ever Laurel“ auf dem Weg von Hongkong in die USA in einen heftigen Sturm geriet, rutschten drei Schiffscontainer mit 29.000 bunten Quietscheenten, Fröschen, Bibern und Schildkröten von Bord. Die Tierchen tauchten Jahre später an den unterschiedlichsten Küsten wieder auf und zeigten so, wie die globalen Meeresströmungen miteinander vernetzt sind. Vier davon landeten jetzt im Deutschen Historischen Museum (DHM) – als Teil der neuen Ausstellung „Europa und das Meer“, die in Zusammenarbeit mit dem Jean Monnet Lehrstuhl für Europäische Geschichte der Universität Köln entstanden ist.

„Europa vom Meer her zu denken“, wie es DHM-Präsident Raphael Gross nennt, scheint auf den ersten Blick ein bisschen weit hergeholt. Unsere innere Seekarte, von Europa aus, sieht doch heute ungefähr so aus: Halbwegs um uns herum gibt es Küste, relevant für deren Bewohner und für den eigenen Badeurlaub. Und dann ist da noch das Mittelmeer. Mit vielen ertrunkenen Flüchtlingen inzwischen Symbol für verheerende politische Zustände in und um Europa. Und sonst? Ist Europa im Zeitalter des erstarkenden Nationalismus, Quietscheentchen hin oder her, nicht doch eher der heimischen Badewanne als den Ozeanen zugewandt?

Die Kultur kam auf dem Seeweg

Wenn Sie heute schon einmal Kaffee getrunken, Nudeln gegessen oder Toilettenpapier benutzt haben, dann sind Sie schon völlig kosmopolitisch und ganz nah dran am Meer. All die Dinge, auch davon erzählt die Schau, gehören ja nur deshalb so selbstverständlich zum Alltag eines in Europa lebenden Menschen, weil die Seefahrt solche Kulturimporte vor Jahrhunderten erst möglich gemacht hat. Auf wessen Schultern und zu welchem Preis, das lässt sich zum Beispiel an der akkuraten Darstellung des Sklavenschiffs „Marie-Séraphique“ (um 1770) ablesen: In bürokratischer Genauigkeit und Gleichgültigkeit sind darauf sowohl Fässer als auch Menschen als Fracht eingezeichnet, auf ihren Wert genau bezifferbar, eingezwängt wie Ölsardinen.

Die Sonderschau mit ihren etwa 400 Exponaten, darunter zahlreiche Leihgaben, verstehe sich als „Versuch eines maritimen Museums auf Zeit“, sagt Ursula Breymeyer, die zusammen mit Christiana Brennecke und Thomas Eisentraut unter der Projektleitung von Dorlis Blume die Ausstellung kuratiert hat. Ziel sei es, „die historische Urteilsfähigkeit“ von uns Heutigen zu schärfen; Stichworte sind Vermüllung, Kolonialherrschaft, Migration, Klimawandel. Schlechte-Laune-Themen, schon. Aber die Balance aus didaktischer Absicht und der sinnlichen Präsentation von Artefakten und erstaunlichen Dokumenten gelingt.

Weiße dünne Nylonschnüre bilden dichte, dünne Vorhänge, wie weiße Gischt umgeben sie die einzelnen Themen-Häfen. In diese kann man dann einlaufen, oberflächlich den Blick schweifen lassen oder in die Tiefe gehen. Wie doch Erkenntnisdrang oder Desinteresse auch voller Meeresmetaphern stecken! Vier Hauptkapitel und 13 Unterkapitel, die von Nantes über Bremerhaven bis Danzig und Bergen für Themenschwerpunkte wie Sklaverei, Auswanderung oder Handel jeweils beispielhaft einen Hafen präsentieren, führen großzügig und luftig über zwei Etagen: Da geht es um das Meer als „Herrschafts- und Handelsraum“, als „Brücke und Grenze“, als „Ressource“ und mündet schließlich ins Meer als „Sehnsuchts- und Imaginationsort“, man darf am Ende also ermattet bei der Erfindung des Badeurlaubs und der Entdeckung des Meeres als Motiv der Kunst in die Sommerfrische gehen.

Maritime Anteile der europäischen Identität

So wird nachvollziehbar, was das Meer für Europa über all die Jahrhunderte war und ist: Zunächst eine Art äußere Orientierungslinie, über die Europa in der Antike sich selbst und sein Landesinneres erschloss und einen regen Küstenhandel betrieb, bevor sich die großen Seefahrernationen weiter hinauswagten. Was den wenigsten bekannt sein dürfte: Die Eroberung der Kanarischen Inseln durch Spanien diente als Blaupause für die Kolonialisierung der „Neuen Welt“. Welche Gegenwehr die indigenen Bewohner Teneriffas leisteten, mit schlichten Wurfsteinen statt hochgerüsteten Waffen, kann man hier sehen.

Erstaunlich, dass das Wissen über die maritimen Anteile gerade der europäischen Identität in der vernetzungsfreudigen Gegenwart dermaßen in Vergessenheit geraten konnte. Die Schau endet mit Jochen Heins großformatigem Acryltriptychon „Nordsee“, das ist schäumendes Meer pur, pixelgenau auf Jute gebannt jedes Gischt-Tröpfchen, das ist gewaltig, nüchtern und gleichgültig, eine Sturmflut, die sich Land nimmt.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2. Tägl. 10–18 Uhr. Bis 6. Januar 2019. Katalog (Hirmer, 448 S., 415 Abb.) 35 Euro.

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