Hauptrolle Berlin

Der nie bewältigte Terror

Am Dienstag wird im Zoo Palast noch einmal „Der Baader Meinhof Komplex“ gezeigt. Und Filmberater Stefan Aust erzählt vom Dreh.

Bilder wie von 1968: Die abgeriegelte Deutsche Oper, vor der gleich der Schah vorfahren wird

Bilder wie von 1968: Die abgeriegelte Deutsche Oper, vor der gleich der Schah vorfahren wird

Foto: Manja Elsässer

Es sind gespenstische Szenen vor der Deutschen Oper. Auf der einen Straßenseite Heerscharen von Polizisten, auf der anderen Demonstranten mit Protestschildern. Dazwischen die abgeriegelte Bismarckstraße, auf der kein Fahrzeug fahren darf. Nur die Limousine, die den Schah zur Oper bringt. Kaum steigt er aus, gibt es Protestrufe. Da gehen plötzlich Schah-Anhänger in schwarzen Anzügen auf die Demonstranten los und schlagen brutal auf sie ein. Die Polizei lässt sie lange regungslos gewähren. Und greift erst spät ein. Nicht gegen die aggressiven Perser, sondern gegen das eigene Volk.

Es ist nicht der 2. Juni 1967, der Tag, an dem bekanntlich Benno Ohnesorg erschossen wurde. Es ist der 9. August 2007, als die Ereignisse noch einmal vor Ort mit Massenstatisterie und größtem Aufwand bis ins Detail nachgestellt werden. Und eine dritte Gruppierung hinter der Absperrung bei den Dreharbeiten zuschaut: Berliner, die die damaligen Ereignisse miterlebt haben und sich nun erinnern.

Zehn Jahre Terror in 150 Minuten

„Der Baader Meinhof Komplex“ kam 2008 in die Kinos, quasi zum 40-Jährigen der 68er-Bewegung, die mit diesem Desaster mit ausgelöst wurde. Und wird jetzt, zu deren 50-Jährigen, noch einmal in der „Hauptrolle Berlin“ gezeigt. An jedem ersten Dienstag im Monat zeigen der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost in dieser Filmreihe einen genuinen Berlin-Film. „Der Baader Meinhof Komplex“ mag da auf den ersten Blick nicht recht hineinzupassen, handelt er doch in knapp 150 Minuten zehn Jahre RAF-Terror von 1967 bis 1977 ab, der sich über die ganze Bundesrepublik erstreckte. Aber seinen Anfang, das zeigt der Film eindrücklich, nahm er in Berlin. Im Juni 1967 mit der Ermordung Benno Ohnesorgs. Und ein Jahr später, als Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 auf dem Kurfürstendamm niedergeschossen wurde. West-Berlin erscheint wie eine Wildwest-Großstadt, in der ständig geballert wird. Und wo dann auch zurückgeballert wird.

Der Film über die „Baader-Meinhof-Bande“ sollte, so wollte es Produzent Bernd Eichinger, den Mythos der RAF beenden. Das ist ihm nicht gelungen. Immerhin schlüpfte die Hälfte von Deutschlands Top-Stars in die Rollen der Terroristen, die sich durch den Film knallen – Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Martina Gedeck als Ulrike Meinhof, Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin, Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt etc. –, während ihre Gegner vom Bundeskriminalamt blass und grau bleiben.

Aber es ist auch kein reiner Action-Filmen, kein „Polit-Porno“ geworden, wie viele ihm damals vorgeworfen haben. Und doch: Die Genrebezeichnung, die ihm vielleicht am gerechtesten wird, ist der Kriegsfilm. Hier die Polizei, der Staat, das System, da erst die 68-er, die Studenten, dann die Radikalisierten, die Terroristen. Und Berlin ist das erste Schlachtfeld, wo Studenten niedergeknüppelt werden, wo der Springer Verlag attackiert wird, wo die Journalistin Meinhof hilft, den Häftling Baader zu befreien, und wo mit dem Berliner Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann zum ersten Mal ein Repräsentant der Republik regelrecht hingerichtet wird.

Ganz am Anfang dieses Filmprojekts stand die Idee im Raum, seitens des Fernsehens ein Doku-Drama über den RAF-Terror zu produzieren, zum 30. Jahrestag des Deutschen Herbstes. Als Wunschproduzent stand bald Bernd Eichinger fest. Der aber bestand auf einem Spielfilm. Als Vorlage diente ihm Stefan Austs tausendseitiger Report „Der Baader Meinhof Komplex“, der kaum in einen noch so langen Film zu bündeln war. Deshalb entschied sich Eichinger bald zu einem Konzept, das er selbst „Fetzendramaturgie“ nannte. In dem viele Ereignisse nur angerissen werden und manche Nebenfiguren für den Laien unklar bleiben. Eichinger setzte sich selbst ans Drehbuch.

Und machte sich an eines der teuersten Produktionen der deutschen Filmgeschichte mit einem ganzen Stab an Vertrauten, mit denen er schon früher zusammen gearbeitet hatte. Allen voran Regisseur Uli Edel, sein Studienfreund aus alten Uni-Tagen, mit dem er schon „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gedreht hatte. Und mit einer Riege von Stars, wie bei seinem letzten historischen Großprojekt „Der Untergang“, teils sogar mit denselben Schauspielern.

Mit größtmöglicher Authentizität und Akribie wurden die historischen Ereignisse bis in kleinste Details nachgestellt, wobei der Vorlagen-Autor Stefan Aust als Berater des Films fungierte. Vor allem aber wurden Leerstellen gefüllt. Von den Anschlägen und Attentaten kannte man bis dato nur die verheerenden Tatort-Bilder danach. Hier sah man erstmals auf schockierende Weise, mit welch beispielloser und hemmungsloser Brutalität die Taten durchgeführt wurden.

Der Film spaltete die Nation. Die einen konzedierten, dass hier erstmals nicht einzelne Aspekte behandelt wurden wie in „Stammheim“ oder „Das Todesspiel“, begrüßten die gelungene Verdichtung von zehn Jahren RAF-Geschichte und lobten den Mut, nicht wertend zu erzählen. Die anderen beklagten dagegen genau dies, dass der Film die Gewalt auf beiden Seiten ohne Standpunkt, ohne eigene Haltung zeige, dass die reine Rekonstruktion im Grunde seelenlos und gar kein Film sei.

Der Produzent „vereichingere“ deutsche Geschichte, ein weiteres „Geschichtsentsorgungsunternehmen“ wie dessen letzte Großproduktion „Der Untergang“. Kritisiert wurde auch, dass es wieder einmal nur um die Täter ging und die Opfer Statisten blieben. Es gab auch kuriose Prozesse um den Film. Ignes Ponto klagte, dass die Szenen von der Ermordung ihres Mannes Jürgen Ponto wesentlich von der Wirklichkeit abwichen. Die Ex-Terroristin Brigitte Mohnhaupt wiederum wollte eine Sexszene ihrer Figur aus dem Film schneiden lassen. Beide Klagen wurden abgewiesen.

Die große Aufregung um den Film bewies vor allem eins. Dass der RAF-Terror eben längst noch nicht Geschichte war, sondern immer noch die Gemüter erhitzte. Und zu einer neuen Debatte führte.

Zoo Palast am Dienstag, 3.7., um 20 Uhr in Anwesenheit des Vorlagen-Autors und Filmberaters Stefan Aust