Tempodrom

Kölsch rockt länger - BAP heizen mit Marathon-Konzert ein

Über drei Stunden lang gaben sich BAP im tropisch heißen Tempodrom die Ehre. Die Fans verziehen dann gerne auch ein paar Schwächen.

“Verdamp lang her“ - Wolfgang Niedeckem (r.) und Ulrich Rode blieben gerne länger im Tempodrom

“Verdamp lang her“ - Wolfgang Niedeckem (r.) und Ulrich Rode blieben gerne länger im Tempodrom

Foto: DAVIDS/Christina Kratsch

Berlin. Die Temperaturen mögen noch so tropisch sein, Wolfgang Niedeckens BAP bleiben sich dennoch treu und spielen über drei Stunden. Die schmucke Südstaaten-Villa auf der Bühnenleinwand, flankiert von zwei Plastikpalmen, passt bestens in die Hitze des Tempodroms, das rund zu Dreiviertel gefüllt ist. Viele Fans sind schon bei den ersten Takten auf hoher Betriebstemperatur. Und Wolfgang Niedecken heizt ihnen mit den ersten drei Songs noch zusätzlich ein. Druckvoll und ohne Pause erklingen „Drei Wünsche frei“, „Waschsalon“ und „Psycho-Rodeo“. Erst danach begrüßt der 67-Jährige seine jubelnden Fans und kommentiert das schweißtreibende Klima scherzend: „Zeit für einen weiteren Aufguss.“

Nach einer ruhigeren Akustik-Tour rocken BAP nun wieder. Aber die Band hat musikalische einige weitere Überraschungen im Gepäck. Niedecken, der die Kölsch-Rock-Formation 1976 gründete und das einzig noch verbliebene Mitglied aus ursprünglichen Besetzung ist, stellt sein aktuelles Werk in den Mittelpunkt: „Das Familienalbum“, aufgenommen in New Orleans. Darauf alte und neue Songs aus Niedeckens Feder im Klanggewand der Südstaaten. Wie „Reinrassije Strossenkööter“ oder „Chippendale Desch“.

Jetzt live auf der Bühne, trifft die Band den Sound allerdings nicht wirklich, obwohl sie dafür eigens mit dem typischen Instrumentarium ausgerüstet ist. Geige etwa, Waschbrett, Akkordeon und Bottleneck-Gitarre. Damit werden lediglich einige Akzente gesetzt, das lässig-dreckige Südstaaten-Original ist indes meilenweit entfernt.

Wolfgang Niedecken erzählt kleine Familienanekdoten

Musikalisch abwechslungsreich zwischen Kölsch- und Southern-Rock, Cajun-Einflüssen und akustischen Ausflügen angesiedelt, gibt es diesmal ein Novum auf der Tour. Erstmals wird die Band von einer dreiköpfigen Bläsersektion begleitet, die Songs wie „Diss Naach ess alles drin“ neuen Schwung gibt. Angesichts des speziellen Kölschen Zungenschlags wünscht sich jedoch manch einer wie Maria (63) aus Charlottenburg zuweilen Übertitel, um die Songtexte tatsächlich zu verstehen. Immerhin plaudert Wolfgang Niedecken meist auf Hochdeutsch. Erzählt von seiner Mutter Hubertine oder wie er zu seiner ersten eigenen Gitarre kam. Bebildert von nostalgischen Fotos aus dem privaten Familienalbum.

Wenngleich es immer wieder instrumentale Highlights gibt, wie die Gitarren-Soli von Ulrich Rode, kommt der Sound ziemlich dürftig rüber. Zumindest im Rang. In den Höhen zu gellend, in den Tiefen dumpf wummernd, von den mittleren Lagen dazwischen ist kaum was zu hören. Echte Fans schreckt das nicht. Genauso wenig wie die exorbitante Länge des Konzerts. Viele verschwinden kurz auf einen Drink ins Foyer. Oder frönen draußen ihrer Nikotinsucht. Die meisten aber halten durch, freuen sich auf ihre Lieblingssongs und die alten BAP-Hits. Politisch engagierte wie „Kristallnaach“, aber auch intime Balladen wie „Do kanns zaubre“. Fast zum Schluss kommt dann der Song auf den alle gewartet haben: „Verdamp lang her“. Eine Hymne für die Fans.

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