Kultur

Zwischen Sex und Liebe, Exzess und Wahrhaftigkeit

„Jeff Koons“ von Rainald Goetz in der Schaubühne

Schrill, diese Vernissage: Videos zeigen Kunst von Jeff Koons auf zwei riesigen Leinwänden. Zu sehen sind die knallbunten Skulpturen seiner Serie „Balloon Dog“, die ihn 2013 zum teuersten lebenden Künstler machten. Und seine Ex-Frau Cicciolina, Pornostar und Künstlermuse, in Szene gesetzt als kitschige Unschuld. Dazu laufen lebendig gewordene Comicfiguren umher, und ein Künstler spricht manisch „Ich-ich-ich“ ins Mikrophon. Untermalt wird alles von einem harten Elektro-Beat, gemixt mit Melancholischem von Leonard Cohen. Cooler Kunstevent, denkt man. Doch man weiß noch im selben Atemzug, dass die ausgestellte Exaltiertheit implodieren wird, nein: muss.

Tatsächlich bekommt Koons glatte Neo-Pop-Ästhetik immer mehr Risse. Und zwar durch perfide, genaue Analyse des Kunstbetriebes durch den Gegenwarts-Chronisten Rainald Goetz.

Die Schaubühne zeigt im Studio „Jeff Koons“. Ein Künstlerdrama ohne ausgewiesene Figuren. Es beginnt im dritten Akt, dem der erste folgt, endet im siebten. Aber egal. Handelt es sich doch nicht um ein Stück im üblichen Sinne, sondern um eine theatrale Installation. Eine Collage aus Stimmungen, Musik, Bildern, Worten, Spiel. Von Regisseurin Lilja Rupprecht in ein gewaltiges Spannungsfeld gegossen. Zwischen Sex und Liebe, Exzess und Wahrhaftigkeit, Kunst und Realität. Jeff Koons kommt nicht vor, ist aber trotzdem allgegenwärtig

Gesamtbild des Kunstbetriebes entsteht wie ein Puzzle

Die vier Schauspieler springen dabei von einer Szene in die andere. Zusammenhangslos zunächst. Wie ein Puzzle setzt sich jedoch langsam ein Gesamtbild des Kunstbetriebes zusammen. Wie eine gigantische, nie enden wollende Vernissage. Laut und lärmend, bevölkert von Party-People und Lifestyle-Junkies. Voller Hoffnung, dass der Glanz der Kunst auch auf sie abstrahlt.

Einsam daneben steht der Künstler. Kay Bartholomäus Schulze gibt ihn langhaarig beim ekstatisch-witzigen Action-Painting mit Rasierschaum und Sahnetorte. Er versucht, aus seiner Ich-ich-heit etwas zu kreieren, das über ihn selbst hinausgeht. Und ist in leisen Momenten verzweifelt, aus Angst vorm Scheitern.

Ganz Klischee, findet Kunst hier in einer Factory statt, wie weiland bei Andy Warhol. Iris Becher verkörpert die überdrehte, Sekt trinkende Galeristin. Ein Berufsstand, der wiederholt bitterböse und komisch angegangen wird und bei dem Wahnsinn und maßlose Überhöhung notwendige Charakterzüge sind.

Immer wieder verwandeln sich die Schauspieler zudem in Kunstobjekte. Lukas Turtur etwa in einen Hochglanz-Popeye, Damir Avdic in eine Cicciolina, der aus seiner Rolle ausbricht und mit dem Kunstbetrieb abrechnet. In einer anderen Szene tragen alle vier Kunstfiguren Masken und zitieren hochgestochen Goetz. Nicht die poetischen Passagen, sondern die dreckigen, ekligen. So bekommen die Bilder ironisch gebrochen Tiefe. Goetz’ rhythmische Sprache macht es möglich.

Die Inszenierung zeigt über weite Strecken eine Karikatur des Kunstbetriebes und des Künstlers. Mit vielen unterhaltsamen Einfällen, aber mit Klischees, die zunehmend ermüden. Letztlich ist „Jeff Koons“ wie die Kunst und das Leben selbst. Oft hart am Chaos entlangsurfend, aber immer mit genialen Momenten.

Schaubühne, Kurfürstendamm 153,
Wilmersdorf, Tel. 89 00 23, nächste Termine 9., 29., 30.6., 1.-3.7., je 19.30 Uhr

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