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10. Berlin Biennale: Die Welt braucht keine Helden

Politisch und bildermächtig: Die Südafrikanerin Gabi Ngcobo lädt zur 10. Berlin Biennale. Ein Rundgang.

Aufschlag in knallorange: Dineo Sheshee Bopape bespielt die gesamte Halle der Kunst-Werke

Aufschlag in knallorange: Dineo Sheshee Bopape bespielt die gesamte Halle der Kunst-Werke

Foto: Reto Klar

„We don’t need another hero“ schmettert Tina Turner im Trailer der 10. Berlin Biennale (bb10). Kein Wunder, den Hit von damals hat Berlins wichtigstes Festival aktueller Kunst frech als Motto gekapert. Doch was ein Lied aus den 80er-Jahren über die Gegenwart aussagt, leuchtet vielleicht nicht jedem gleich ein.

Wie der Song lehne sie Heldenfiguren ab, beschreibt es Gabi Ngcobo. Oft genug mutieren Helden von einst in der Zukunft zu Tyrannen, sagt sie. Zum ersten Mal leitet eine afrikanische Kuratorin zusammen mit einem vierköpfigen schwarzen Kuratorenteam die Biennale. Nichts liegt ihnen ferner, als feste Antworten auf heikle politische Situationen zu geben oder andere Machtstrukturen zu beschwören: Sie wollen Fragen stellen und Geschichten erzählen. Dabei geht es ihnen nicht um allgemeingültige Wahrheiten, sondern um subjektive Positionen. Insofern ist das nicht nur eine politische, sondern auch eine sehr weibliche und ausgesprochen sinnliche Biennale. Und ja, es dreht sich um ziemlich große Themen: um Mechanismen weißer Macht, schwarze Unterdrückung, koloniale Erziehungssysteme, Flüchtlinge, Heimat, Unsicherheiten, Frauenproteste.

46 Künstler und Künstlerkollektive aus aller Welt sind dabei, zehn aus Berlin. Für eine Biennale relativ überschaubar. Doch diese Reduktion bekommt ihr gut. Die Werke, Videos, Malerei, Skulpturen sind großzügig verteilt, das gibt Luft und sorgt für eine gewisse Leichtigkeit und sympathische Konzentriertheit dieser Schau. Verteilt ist sie auf vier Spielorte: die Kunst-Werke als „Mutterhaus“, die Akademie der Künste, der winzige Volksbühnen Pavillon. Neu dabei: das ZK/U, Zen­trum für Kunst und Urbanistik in Moabit.

Klaus Biesenbach ist dieser Tage viel unterwegs an den Biennale-Orten. Heute ist der Gründer der Kunst-Werke längst beim MoMA in New York, doch es gibt einen Grund zum Feiern: das zehnte Jubiläum der Berlin Biennale. Die erste stellte er mit Hans Ulrich Obrist und Nancy Spector vor 20 Jahren auf die Beine. 1998 gab es noch viele urbane Nischen. Ein Besuch der Ausstellungsorte:

Kunst-Werke Golden wie eine große Sonne leuchtet die zentrale Halle des Stammhauses der Biennale in Mitte. Doch die Verheißung entpuppt sich schnell als Desillusion. Am Boden liegen kaputte Backsteine, zerfetzte Rohre. Von der Decke hängt ein aus Karton notdürftig zusammengeklebter XXL-Ball. Abrissbirne oder eine aus den Bahnen geratene Weltkugel? Die In­stallation der Südafrikanerin Dineo Seshee Bopape ist ein Statement zur allgemeinen Unsicherheit. Zerfall und Zerstörung sind die Koordinaten der Gegenwart. Im zweiten Stock landen wir mit Natasha A. Kellys beeindruckender Dokumentation „Millis Erwachen“ bei acht afrodeutschen Frauen direkt in Berlin, die alle mit dem Bereich Kunst zu tun haben. Sandrine stellt fest, dass es fast unmöglich ist, die künstlerische Arbeit jenseits des Interpretationsrahmens „Schwarz“ zu präsentieren. Hier in der Auguststraße geht es bis zum Dachboden hinauf viel um Aktivismus und Protestkultur, wie die Installation von Okwui Okpokwasili zeigt. Atmen, schweigen und lesen soll der Besucher in einer hölzernen Architektur, um mitzufühlen, wie 1929 nigerianische Frauen die Höfe der Kolonialbeamten besetzten, um dort zu singen und zu tanzen, bis der genug hatte und auf ihre Belange einging. Ob man mitmacht oder nicht, eine starke Geschichte mehr bleibt dennoch im Kopf zurück.


Akademie der Künste (AdK) Vor der Akademie thront – nicht zu übersehen – die kleine Schwester des Lustschlosses Sanssouci auf dem Trottoir. Allerdings als Ruine und aus Pappmaché. Auf jeden Fall ein Gegensatz zur klaren Architektur der Adk, entworfen von Werner Düttmann. So soll es sein, es geht um das Erzählen von Geschichten. In Haiti gibt es ein Sans-Souci-Palais, das nur noch als Ruine existiert. Ein haitianischer König ließ es einst bauen, für die eigene Machtentfaltung. Firelei Baez, von der das Fake-Schloss stammt, ist als wachsame Geschichtenerzählerin der heimliche Star der AdK. Im ersten Stock breitet sie auf einer ganzen Wand wundersam-fragile Zeichnungen und Skizzen aus auf uralten Landkarten. Ein visuelles (Alb)Traumtagebuch.

Volksbühnen Pavillon Lydela und Michel Nonó sind Schwestern aus Carolina in Puerto Rico. Sie wohnen und arbeiten im Haus ihres Großvaters, dort stellen sie auch ihre Kunst aus. Wobei diese Kunst nicht aus Objekten besteht, sondern aus Installationen, in denen sie ihre Performances inszenieren. Diese beschäftigen sich mit der Geschichte ihrer Familie, der Unterdrückung der Schwarzen in ihrem Heimatland und dem Kontakt zu ihren Ahnen. Während der Biennale führen sie regelmäßig eine solche Performance im Volksbühnen Pavillon aus.

Im Augenblick bietet sich dort eine leicht gruselige Szenerie: medizinische Instrumente wie Scheren, Skalpelle und Zangen liegen auf einem Tisch, ein weißer Kittel hängt an der Wand und überall sind Schalen und Fläschchen mit Präparaten zu sehen, einige davon sehen aus wie frisch entnommene Organe. Von der Decke hängen hauchdünne Gebilde, die wie Haut aussehen. Mit solchen Utensilien spielen die Schwestern auf die dubiose Rolle der US-Pharmaindustrie an, für die in Puerto Rico Medikamentenversuche an schwarzen Frauen vorgenommen wurden, ohne ihr Wissen und ohne ihre Einwilligung.

ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik Zehn Künstler stellen ihre Arbeiten in dem ehemaligen Güterbahnhof in Moabit aus. Dort betreibt das Künstlerkollektiv Kunstrepublik seit 2012 das Zentrum für Kunst und Urbanistik. Momentan wird hier nach Lust und Laune Geschichtsschreibung demontiert. Die Inderin Zuleikha Chaudhari inszeniert die Radiorede eines berühmten indischen Freiheitskämpfers, der sich während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten in Berlin die Zentrale „Freies Indien“ und seine Radiosendungen finanzieren ließ.

Die Ägypterin Heba Y. Amin beschäftigt sich mit historischen Fantasien von einem vereinigten euroafrikanischen Kontinent. Dazu sollte sogar das Mittelmeer trockengelegt werden. Amin präsentiert sich als Staatsfrau, die ähnliche Ideen propagiert. So entlarvt sie die ganze Absurdität und die damit verbundene koloniale Großmannsucht. Ganz zart sind die Zeichnungen und Papierobjekte der Haitianerin Tessa Mars, die sich mit Tessaline ein unverkennbares Alter Ego geschaffen hat, das eine weibliche Variante des haitianischen Nationalhelden Jean-Jacques Dessalines ist. Wie heißt es noch gleich: „We don’t need another hero.“

Berlin Biennale: Öffnungszeiten Vom
9. Juni bis 9. September. Mi.–Mo., 11–19 Uhr, Do., 11–21 Uhr. Katalog Der Kurzführer kostet fünf Euro, der Katalog 25 Euro.

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