Theater

Vielleicht war’s ja ganz anders

„Phantom (Ein Spiel)“ im Grips Theater ist ein Stück über Migration. Mehr aber noch ein Stück über unsere Klischees von Fremden.

Die fünf Schauspieler im weißen Raum, der je nach Lichtsetzung andere Stimmungen annimmt

Die fünf Schauspieler im weißen Raum, der je nach Lichtsetzung andere Stimmungen annimmt

Foto: david baltzer / david baltzer / bildbuehne.de

Anfangs regnet es Plastikmüll. Ein eindrückliches Bild auf unsere Wegwerfgesellschaft. Wir befinden uns in einem Fast-Food-Restaurant, fünf Mitarbeiter müssen nach Ladenschluss Kehraus machen. Und all die Einwegbecher und was sonst alles auf dem Boden gelandet ist, in Müllsäcke stopfen. Da ein Schrei: Es wurde noch was ganz anderes weggeworfen. Ein Baby.

Es lebt noch. Wer hat es zurückgelassen? Der Laden ist videoüberwacht, es finden sich unscharfe Bilder einer Frau. Warum aber setzt eine Mutter ihr Baby aus? Und warum nicht in einer Babyklappe? Die Fragen drängen sich auf, Antworten sind auch schnell parat. Die Frau trug Kopftuch, sah südländisch aus. Sicher eine Zigeunerin. Ne, gibt’s nicht mehr, das heißt jetzt Roma. Aber die alten Klischees und Ressentiments, die gibt’s noch.

Reizvolle Meta-Ebene des „Moment mal“

Spielerisch versuchen sich die Fünf in das Phantombild einzufühlen. Sie nennen die Frau Blanca, das klingt persönlicher als „Roma-Frau“. Sie verorten sie in Bulgarien. Und spielen ihre Familie dort, die einem Vetter Geld gibt, der das Mädchen nach Deutschland holen soll. Sie spielen auch den Busbahnhof, wo alle sich in den Armen liegen, nur auf die Bulgarin wartet natürlich niemand.

Aber Moment mal. Die Spieler halten nicht nur ständig inne, weil einer sein Spiel übertreibt und öfter Rollen getauscht werden. Immer wieder, schon im Burger-Laden, steigen die Schauspieler ganz aus ihren Rollen aus. Und schaffen damit von Anfang an eine reizvolle Meta-Ebene. Immer wieder gibt es diesen Fingerzeig, dieses „Moment mal“. Vielleicht war’s ja ganz anders.

„Phantom (Ein Spiel)“ ist das neue Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, deren „Frau Müller muss weg“ nicht nur am Grips Theater ein großer Bühnen-Hit war. Diesmal haben sie sich mit den Reizthemen Flüchtlingswelle und Arbeitsmigration befasst, und das schon bevor es zum Dauerthema in den Nachrichten wurde. Regie führte die Schauspielerin Petra Zieser, die am Hauseine alte Bekannte ist und in den 80er-Jahren hier mit „Linie 1“ bekannt wurde. Jetzt feiert sie ihren späten Regie-Einstand hier.

Dabei lässt sie den Theaterraum komplett leer und weiß, auch ihre fünf Spieler (Amelie Köder, Frederic Phung, Christian Giese und die Ensemble-Neulinge Lisa Klabunde und Luisa-Charlotte Schulz) sind ganz in Weißtöne gekleidet. Reine Projektionsflächen also. Für die imaginierten Szenen werden dann, das ist seit jeher die Stärke des Grips, mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in Sekundenschnelle Szenerien gewechselt. Und wenn die Schauspieler mal ganz aus den Rollen aussteigen, wird das Licht grell aufgedreht, dass man sich die Augen zukneifen muss und hofft, die Streithähne werden sich bald wieder einig sein.

Die Darsteller revoltieren gegen die Rolle

Das Spiel mit den Ebenen wird so anschaulich umgesetzt und durch Animationsbilder des Kollektivs „Talking Animals“ zusätzlich verfremdet. „Phantom (Ein Spiel)“ ist eine sehr spielerische Reflexion über unsere Klischees und Wertevorstellungen. Und damit weniger ein Stück über die Fremde, deren Vita da imaginiert wird, als über uns und unsere Rollenzuweisungen, wie „die da“ zu sein hat. Dabei revoltieren die Darstellerinnen der Blanca immer öfter gegen die Klischees, die sie spielen, gegen jede vorhersehbare Falle, in die sie tappen sollen. Und so wird die Geschichte am Ende eine ganz andere.

Grips Theater, Altonaer Str. 22, Tiergarten. Tel.: 39 74 74 77. Nächste Termine: 29. u. 30. Juni, 19.30 Uhr, 1. Juli, 18 Uhr