Kultur

Ein Verbrechen – wie ein Blitzschlag mitten ins Leben hinein

Thomas Ostermeier inszeniert Édouard Louis’ „Im Herzen der Gewalt“ an der Schaubühne

Langsam kreisend verteilt der Fiberglaspinsel das Magnetpulver auf dem Boden der Schaubühne. Wir sehen es als schwarz-weiße Videoprojektion. Im Vordergrund bilden Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler in weißen Hygieneanzügen das Team der Spurensicherung. Ein Verbrechen gilt es zu untersuchen, es wird sich im Lauf des Abends herausschälen wie der Fingerabdruck, den wir jetzt sehen können: dunkel, bedrohlich und mit unklaren Konturen.

Ein Verbrechen, das sich tatsächlich ereignet hat, das dem französischen Autor Édouard Louis nach eigenen Angaben genau so zugestoßen ist. Louis, 21 Jahre alt, studiert in Paris Soziologie. Er ist vor der provinziellen Enge der nordfranzösischen Picardie in die Hauptstadt geflüchtet, auch weil er sich als schwuler Mann immer wieder Anfeindungen ausgesetzt sah. Das Verhältnis zu seiner Familie ist zerrüttet, den Weihnachtsabend verbringt er lieber im selbst gewählten Exil. Auf dem Weg nach Haus spricht ihn der attraktive Kabyle Reda an und umwirbt ihn so charmant, dass Louis schließlich einwilligt, ihn mit zu sich zu nehmen. Dort trinken sie, reden und haben Sex. Nach vielen Stunden bemerkt Louis bei der Verabschiedung, dass ihn Reda bestehlen will und sein Handy und sein Notebook bereits eingesteckt hat. Als er ihn zur Rede stellt, kippt der Abend ins Gewalttätige. Reda schreit wild herum, würgt Louis, bedroht ihn mit einer Schusswaffe und vergewaltigt ihn. Danach verschwindet er.

Édouard Louis hat dieses traumatisierende Erlebnis in verschachtelter Chronologie erzählt, als den Versuch der Wiedereroberung der eigenen Biografie. Denn was er danach erleben musste, war sozusagen die Vergesellschaftung der Tat: durch die Ärzte, die seine Hämatome klassifizierten; durch die Polizisten, die das Täterprofil schrieben und nach den üblichen Merkmalen suchten; durch seine Schwester schließlich, die den Abend in ihre Sicht, ihr Schema pressen und damit für sich plausibel machen möchte. Dass es etwas verstörend Einzigartiges war, was ihm widerfahren war, ein Blitzschlag mitten in sein Leben hinein: Mit diesem Empfinden war Louis vollständig allein.

Regisseur Thomas Ostermeier hat mit der Bühnenfassung von Didier Eri­bons „Rückkehr nach Reims“ bereits bewiesen, wie ergreifend er die Suchbewegungen in sozialen Milieus dramaturgisch umzusetzen vermag. Dass er sich nun das Buch von Édouard Louis vorgenommen hat, ist folgerichtig: Louis nennt Eribon als seinen Mentor, und er teilt mit ihm den Versuch, in das eigene, halb prekäre Milieu zurückzukehren, um dort nach den Ursachen von Rassismus und Ausgrenzung zu fahnden.

Die Schauspieler ergänzen sich im Wechsel der Stimmen, der sich zum Chor fügt. Laurenz Laufenberg verblüfft durch den zerbrechlichen Charme des Verführten, der sich plötzlich im Abgrund wiederfindet. Renato Schuch gibt dem Kabylen Reda, durch dessen rohe Gewalt auch immer die Verzweiflung des rassistisch Ausgegrenzten schimmert.

Alina Stiegler schafft es überzeugend, die Schwester als eindimensionale, von Abgrenzungswünschen deformierte Projektion ihres Bruders darzustellen – und Christoph Gawenda, ob nun als Polizist oder als Arzt oder als trashige Mutter, überzeugt in jeder seiner wechselnden Rollen.

Schaubühne am Lehniner Platz. Nächste Termine: 20. u.21. Juni, 1.-4. Juli., 20 Uhr

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