Kultur

Ein absurdes, deutsches Leben

Er hat Auschwitz überlebt, wurde Honeckers Stellvertreter, floh in den Westen. Karoline Kleinert begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters

Viele Familien haben die sprichwörtlichen Leichen im Keller. Bei wenigen Familien dürfte die Geschichte hinter einem totgeschwiegenen Angehörigen so spannend sein, wie bei der Berliner Dokumentarfilmerin Karoline Kleinert, die das Leben ihres Großvaters recherchiert hat, der in den westlichen Medien als „roter Lebemann“ betitelt wurde, den Erich Honecker als „Hund“ beschimpft hat und der im Kreis der Familie unter dem Titel „das Schwein“ firmierte. 2011 hat sie einen Film über ihn gemacht, jetzt wird mit „Sie nannten ihn Verräter“ die wohlwollende Biografie Heinz Lippmanns nachgereicht, in der Kleinert ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will.

Er entschließt sich, sich der Gestapo zu stellen

Der Vorwurf des Verrats ist eine bittere Konstante, mit der sich Lippmann Zeit seines Lebens konfrontiert gesehen hat. Lippmann, Jahrgang 1921, wird in eine jüdisch-christliche Familie geboren. Sein Vater verstirbt kurz nach der Geburt, der Stiefvater ist ein jüdischer Börsenmakler, der Lippmann deutschnational erzieht. Er fühlt sich nicht jüdisch, muss 1938 die Schule verlassen.

Die Eltern fühlen sich noch sicher in Deutschland, als Heinz mit seinem Freundeskreis 1942 die Flucht ins Ausland angeht. Der Plan fliegt auf, die Freunde verschwinden, nach Heinz wird gesucht. Er entschließt sich, sich der Gestapo zu stellen, was zu einer der folgenschwersten Fehlentscheidungen seines Lebens werden wird. Er wird verhaftet und im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert. Heinz Lippmann ist 21 Jahre alt als er zur Nummer „87467“ wird, ein junger Mann, der seine Identität verloren hat und der nun den Tiefpunkt der Zivilisation erleben muss.

Für einige Tage bringt er nach eigenem Report verwesende Leichen aus einem Massengrab ins Krematorium, erkrankt an Typhus, wird von politischen Häftlingen vor der Selektion in die Gaskammer gerettet. Es sind die Kommunisten im Lager, die fest an Hitlers Niedergang glauben, die die pervertierte kapitalistische Logik der IG Farben in Auschwitz offenlegen, die die Lethargie der Gefangenen durchbrechen. Nach der Evakuierung von Auschwitz, kommt Lippmann nach Buchenwald, wo er 1945 befreit wird. Er tritt in die Kommunistische Partei Deutschlands ein, wird 1946 SED-Mitglied, arbeitet an der Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit, wo er schon früh auf Erich Honecker trifft, dessen Stellvertreter er schließlich wird.

Privat ist Lippmann ein Frauenheld, hat Bindungsängste, will nicht allein sein, ist ständig liiert. Obwohl er Kleinerts Großmutter, die er 1947 heiratet, zutiefst verletzt, als er sie mit Sohn Peter sitzenlässt, mag die Enkelin nicht den Stab über ihn brechen. Ihr Vater, Sohn Peter, hat seinen Vater jedenfalls nie kennengelernt, er war in Gesprächen allenfalls „das Schwein“, von dem es nicht mal Fotos gab. Mit der Flucht in den Westen wird Lippmann dann auch noch zum Staatsfeind Nummer eins, ein noch dunkleres Familiengeheimnis in der DDR geht wohl nicht.

Es gibt rationale Gründe dafür, dass sich Lippmann zu diesem Zeitpunkt in den Westen absetzt. 1953 nimmt die Paranoia in der Partei zu. Es ist das Jahr des Volksaufstands vom
17. Juni, die politische Demontage in Lippmanns Kollegenkreis und die antisemitischen Vorgaben aus Moskau, die sich im Prager Slansky-Prozess manifestieren, kommen dazu. Zudem hat Lippmann der Partei verschwiegen, dass er sich der Gestapo selbst gestellt hatte, was ihn dem absurden Verdacht aussetzt, er wäre als Agent ins KZ gegangen.

Absurd, anders lässt sich auch der Rest seines Lebensweges nicht beschreiben. Geplant oder nicht, am Tag der Flucht werden ihm 300.000 D-Mark übergeben, die nicht für ihn bestimmt sind, die er doch gern mit in den Westen nimmt. Lippmann wird zum „Kassenräuber“, wie es in westdeutschen Medien zu lesen ist. Er taucht unter, wird enttarnt, kommt in Westdeutschland vor Gericht, arbeitet für den Verfassungsschutz, bringt eine Zeitschrift raus, wird bespitzelt, bespitzelt selbst, wird zum Trinker, hat Angst vor Entführung durch die Stasi, wie es Robert Bialek 1956 passiert, schreibt eine Honecker-Biografie, wird SPD-Mitglied, findet einen Job am Gesamtdeutschen Institut, stirbt 1974 in Bad Godesberg.

Was Kleinerts Buch so lesenswert macht, sind die vielen kleinen Episoden, in denen sie faktenorientiert am Beispiel dieses Mannes den Wahnsinn deutscher Geschichte bespiegelt.

Da ist das Jahr 1943, als Heinz von Auschwitz nach Breslau gebracht wird, weil seine Mutter versucht
ihn zu retten, indem sie sich selbst des Ehebruchs bezichtigt, die Vaterschaft ihres toten jüdischen Ehemanns anficht und einen anderen Vater benennt. Mutter und Sohn treffen sich dort. Heinz kommt direkt aus dem Todeslager ins Institut der Universität zur Vermessung von Kopf,
Nase, Augen, Mund und fährt anschließend in die Hölle zurück. Ein bürokratischer Vorgang ist das, ein Wahnsinnsakt – das Gutachten fällt negativ aus.

Da ist vor allem die Paranoia zwischen Ost und West, der Bespitzelungswahnsinn, wenn jeder Brief, den Heinz schreibt, direkt an die Stasi geht, fast jeder Bekannte ein IM ist, wenn er vermutlich selbst über Bande spielt, weil er weiß, dass er bespitzelt wird. Wollte Lippmann in die DDR zurück, wie er manchmal schrieb? Die Stasi­akten liegen dazu vor, der Verfassungsschutz hält sich bedeckt. Kleinert gibt ihrem Großvater ein generelles In dubio pro reo, wobei sie vielleicht das Ausmaß seiner eigenen Geschichtsklitterung unterschätzt. Aber immerhin, „es ist die Geschichte, die seine hätte sein können“, und auch die ist spannend genug erzählt.